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Sonette - in 12 Runden zu 14 Gedichten - 12 Ultima Thule
#1
Ultima Thule

Rose und Lorbeer


Die Rose spricht: Ich bin die liebe Blume,
Ich bin die Lust, der Schmerz, das Licht, das Leben,
Nach mir mußt, Dichter, Blick und Hand du heben,
Willst eingehn du zu wahrem Menschentume!

Der Lorbeer spricht: Ich führ’ empor zum Ruhme,
Ich kann allein das große Schicksal weben,
Nach mir, der Menschheit Höchstem, mußt du streben,
Ich leit’ zu fernster Nachwelt Heiligtume!

Der Dichter spricht: Das neidlichste der Lose
Erwähl’ ich denn, die Krone alles Lebens!
Und nach dem Lorbeer greift er kühnen Strebens.

Das Schicksal spricht: Und dein ist auch die Rose!
Nur rosen-duftberauscht und –dornzerstochen,
Nicht anders wird des Dichters Reis gebrochen.
Der Anspruch ihn auszudrücken, schärft auch den Eindruck.
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#2
Die beste Andacht

Bevor dein Haupt am Abend sinkt ins Kissen,
Versäume an dich selber nie die Frage:
Was tat ich Gutes am verfloss’nen Tage?
Was hat mir vorzuhalten mein Gewissen?

War ich in reiner Fahrt beflissen?
Führt meinethalben niemand bitt’re Klage?
Verschönerte ich mein’ und femde Lage?
Ward reicher ich an Bildung und an Wissen?

Wenn jeder also täte stets und dächte,
Und täglich, nie der Einkehr überdrüssig,
Vor seinen eignen Richterstuhl sich brächte:

Dann wären Beicht’ und Kanzelpredigt müßig,
Und vor der Andacht, die allein die rechte,
Sänk’ Pfaff’ und Kirche hin als überflüssig.
Der Anspruch ihn auszudrücken, schärft auch den Eindruck.
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#3
Das Allerschönste

Ich sah schon in den buntesten Gestalten
Die Arten all des Schönen dieser Welt;
Ich sah zur Nacht das hehre Sternenzelt,
Im Lenz der Knospe wunderzart Entfalten;

Ich schaute Ströme, die zum meere wallten,
Das Schneekryställchen, das zur erde fällt,
Den Blitz gewahrt’ ich, der die Nacht erhellt,
Ich hört’ ob meinem Haupt Gewitter schalten.

Ich sah und hört’ das Schöne jeder Art,
Und einem Glücklichen der Erdensöhne
Bleibt im Gedächtnis ewig das bewahrt.

Doch schöner fand ich nichts, denn Menschenschöne,
In jungen Angesichtern offenbart,
Und als die hehre Wundermacht der Töne.
Der Anspruch ihn auszudrücken, schärft auch den Eindruck.
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#4
Bei Festgelagen

Wenn bei Musik und schäumendem Pokal
Die Jugend sich vereint zu Festgelagen,
wenn laut die Gläser aneinander schlagen,
Und heller Jubel herrscht im ganzen Saal:

Dann fühlt die trunk’ne Seele jedesmal
In große Zeiten sich zurück getragen,
Sie träumt von Hellas’ lebenswarmen Tagen
Und von der Griechen Lust beim Bacchanal.

Dann schweifen meine Blicke in der Runde,
Bathyll’ und Smerdis such’ ich vor Verlangen,
Sie findend in den Schönsten aus dem Bunde.

Mit Griechenglut, halb geistig und halb physisch,
Versuch’ ich liebend mich an sie zu hangen,
Und voll des Gottes jauchz’ ich dionysisch!
Der Anspruch ihn auszudrücken, schärft auch den Eindruck.
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#5
Latmos meines Liebeslebens

Allabendlich, wann Helios heimgegangen
Und keusch Selene führt den Sternenreigen,
seh’ ich auf Latmos’ Höhn sie niedersteigen,
Wo süß der Liebste schläft in holdem Prangen.

Und über ihn mit heißem Liebverlangen
Seh’ ich die Göttin sehnsuchtsvoll sich neigen,
Und nur der Regen stört das heil’ge Schweigen
Der Küsse auf Endymions Mund und Wangen.

Auch meine Seele, ging der Tag zu Grabe,
Ersteigt ihr Geistes-Latmos gleich Selenen,
In wildem Fieberdurst nach Liebeslabe.

Doch dem Geliebten ruft sie dort vergebens!
Kein holder Schläfer winkt des Herzens Sehnen
Auf diesem Latmos meines Liebeslebens!
Der Anspruch ihn auszudrücken, schärft auch den Eindruck.
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#6
Freundschaft und Liebe

Wer nie, dem Freunde fern auf weite Meilen,
Nach ihm nur lenkte seiner Träume Flug,
Wer nie sein liebes Bild im Busen trug,
Im Geist wie zum Altar davor zu eilen;

Wem nie zu ihm ein Heer von Sehnsuchtspfeilen
Wie nach dem Süd entflog der Schwalben Zug,
Wem lauter nie das Herz im Glauben schlug,
Daß so der Freund im Geist mag bei ihm weilen:

Der hat der Freundschaft Gipfel nie gekannt,
Dem ward sie nur in flacher Allgemeinheit,
Nie hat er selig Liebe sie genannt.

Doch wer sie beide trug in ihrer Reinheit,
Der Liebe Kette und der Freundschaft Band,
Der weiß: In höchsten Sphären sind sie Einheit.
Der Anspruch ihn auszudrücken, schärft auch den Eindruck.
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#7
Einem bildschönen Knaben
E. S.

Ob Tag, ob Nacht, ob Sonnenschein, ob Regen,
Um dich durcheil’ ich alle Plätz’ und Gassen,
Um flüchtig wo ins Auge dich zu fassen,
Aufs neu’ dein süßes Bild mir einzuprägen.

An hundert Ecken steh’ ich deinetwegen,
Und kann und kann von meinem Tun nicht lassen,
Vor deiner Schönheit dürstet’s mich zu prassen,
So oft der Zufall mir dich führt entgegen.

Wenn meine Augen dich des Tags nicht schauten,
Vermögen sie des Nachts nicht zuzufallen,
Sie suchen schlaf- und schlummerlos den Trauten.

Und wenn sie sich an deinem Bild erbauten,
Muß noch im Traum zu dir ich pilgerwallen,
Wie nah dem gold’nen Vlies die Argonauten.
Der Anspruch ihn auszudrücken, schärft auch den Eindruck.
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#8
Was wir einander schenken

Was kann ich dir mit meiner Freundschaft geben?
So seufzest du aus tiefstem Herzensgrunde,
Als wir zum erstenmale, Mund an Munde,
Einander schwuren Treu’ und Lieb’ fürs Leben.

Und was kann ich wohl dir für Schätze heben?
So fragt’ ich dich in gleicher Feierstunde,
Als wir vereint in liebesel’gem Bunde
Und ich dein herz an meinem hörte beben.

Drauf du: Gib deinen Geist mir, gib Gedanken,
Daß meine Welt der deinen sich vermähle,
Erweit’re meines Wissens, Denkens Schranken!

Drauf ich: Nimm’s hin, nimm was du willst, erwähle,
Nur lehre du mich, mich emporzuranken
Zu reinen Höhn an deiner schönen Seele!
Der Anspruch ihn auszudrücken, schärft auch den Eindruck.
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