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Sonette - in 12 Runden zu 14 Gedichten - 10 In meinem Spiegel
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11.02.2024, 04:20
(Dieser Beitrag wurde zuletzt bearbeitet: 11.02.2024, 16:22 von ZaunköniG.)
In meinem Spiegel
Dornröschen
Dornröschen gleicht, solang er selbst am Leben,
Des wahren Dichters Kunst in unsern Zeiten,
solang Mäcen’ nicht ihre Schritte leiten,
Nicht Fürsten sie an Höf’ und Throne heben.
Das stärkste Können heut’, das reinste Streben
Begräbt der Dornbusch seichter Wirklichkeiten,
Ein Gönner muß – als Prinz – ihn erst durchschreiten,
Das Licht des Tags der lichten Maid zu geben.
O meine Kunst, Dornröschen, seit zehn Jahren
Dir selbst nur blühend, doch der Welt verloren,
Wann kommt dein Prinz und zeigt dich seinem Volke?
Mir ist, als rief’ ein Gott mir aus der Wolke:
Verzehrt dich Sehnsucht schon nach weißen Haaren?
Dein Prinz – er ist noch nicht einmal geboren!
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Der Anspruch ihn auszudrücken, schärft auch den Eindruck.
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Ganymedes
Von aller Knaben schönstem lehrt die Mythe,
Den Eltern hab’ ein Adler ihn entwendet,
Den einst der Gott der Götter ausgesendet,
Für ihn zu rauben diese Menschenblüte.
Denn um die Gunst des Herrlichen sich mühte,
Der sonst sie seine Frauen bloß gespendet,
Vor eines Knaben Schönheit stand geblendet,
Der sonst in Liebe nur zum Weib erglühte.
Das durfte einst die Gottheit selber wagen,
Vor jenem schönen Volke der Hellenen,
Das noch als Muster gilt in unsern Tagen.
Und rufst du heute: Liebe jedem Schönen!
So fehlt nicht viel, daß sie ans Kreuz dich schlagen
Und dich mit Dorn und Ketzermütze krönen.
Der Anspruch ihn auszudrücken, schärft auch den Eindruck.
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Narkissos
Ein Wunderwerk an Angesicht und Leibe,
Läßt doch umsonst von Fraun du dich umwerben,
Selbst Echo muß im Durst nach dir verderben,
Denn keine Liebe hegt dein Herz zum Weibe.
Da blickst ins wasser du zum Zeitvertreibe
Und schaust dein Bild, und – o der Qual, der herben! –
In Sehnsucht nach dir selber mußt du sterben,
Daß nur der Blum’ dereinst dein Name bleibe.
Dir gleicht, Narziß, das seltsame Geschlechte
Der Männer, die in Schönheit nur versunken
Von Jünglings Art, doch nicht der Weiber Knechte.
O laß, Kultur, in ihren Liebesfunken
Die Duldung wehn, gib ihnen Menschenrechte,
Sonst sterben sie, an eigner Schönheit trunken!
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Proteus
Den wahren Künstler seh’, den großen Dichter,
Des Genius Wesen les’ ich hier im Bild:
Jetzt schwelgend im gewalt’gen Glücks Gefild,
Jetzt Pessimist, Verzweifler, Selbstvernichter,
Jetzt hangend über Weltraums Abgerundtrichter,
Jetzt toll beim Glas, drin Bacchos’ Labe quillt,
Jetzt leidenschaftsdurchwühlt und wütend wild,
Jetzt Eremit, Entsager und Verzichter,
Jetzt Himmelslieb’ vor Bild und Ton empfindend,
Jetzt Leib um Leib in sünd’gen Gluten windend,
Jetzt Kind des Staubs, im Äther jetzt entschwindend:
Das ist des Genius eigenst’ Sein im Grunde,
Und Eins nur trennt ihn von der Götter Runde,
Daß er nicht alles dies – zur gleichen Stunde
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Prometheus
Du, den ich lebe seit der Kindheit Tagen,
Seit mich die schule hielt mit ernstem Zwange,
Dich, Übermenschen, preis’ ich im Gesange,
Der du der Ketten schwerste Last getragen.
wenn ob der eignen oft ich wollt’ verzagen,
Die schnöder Alltag schlug dem höhern Drange,
Sah ich zu dir und war gestärkt für lange,
Und wildem Trotze wich das weiche Klagen.
O, bis der Hauf mir wieder naht mit Knütteln,
Mit Dummheit mich und Vorurteil zu quälen,
Gib fürder mir die Kraft, ihn abzuschütteln!
Kein rühmenswerter Los, ist hier zu wählen,
Als unter Qualen, Martern, Kettenrütteln
Fürs blinde Pack des Himmels Strahl zu stehlen.
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Romeo und Julia
Euch Tränen? – nein, ich kann euch nicht betrauern!
Ihr habt des Lebes höchste Lust erfahren,
Und rief der Tod euch auch in Lenzesjahren,
war's, weil Ernücht’rung mocht’ in spätern lauern.
Viel besser, zwischen öden Grabesmauern
Aus freier Lieb’ Entschluß euch aufzubahren,
Als sollt’ sich euch nach Jahren offenbaren:
Man fühlt nur einmal hehrstes Wonneschauern.
Die eine Nacht, verschwelgt in Juliens Kammer,
Muß euch mit jedem Leid der Welt versöhnen,
Euch trösten über allen Schmerz und Jammer.
Und eurem Tod entles’ ich ahnend Eines:
Vielleicht winkt dort ein Heim dem höchsten Schönen;
Denn – ihr erfuhr’s: die Erde ist ihm keines!
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Prinz Heinz
An Übergriffen, Schwänken, tollen Streichen,
Was übt’ er nicht in goldner Jugend Jahren!
Und dennoch ward er edel, groß, erfahren,
Geehrt, wie je ein Fürst von Königreichen.
Soll’s Unsereins heut’ wagen, ihm zu gleichen
Zum Zehntteil nur an freiem Lustgebaren:
Gleich fassen Ehrenhüter ihn bei Haaren,
Und trüg’ er auf der Stirn der Gottheit Zeichen!
O Formenkram! O schiefe Ehrbegriffe!
O Klippen in des Lebens freiem Meere!
O unsres Glückes selbstgeschaff’ne Riffe!
Wohin man blickt, nur: Ehre! Ehre! Ehre!
Und sieht man durch das Narrenkleid bei Lichte,
So birgt’s Pygmän und Motten und nur Wichte.
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Wagner und Bismarck
Ihr beide, hätt’ ein Deutschland nie bestanden,
Ihr hättet Sein und Atem ihm gegeben;
Zwei Bergen gleich, die sich zuhöchst erheben,
So ragt ihr aus des neuen Reiches Landen.
Der Sänger, weil aus fremder Knechtschaft Banden
Er unsre Kunst befreit zu eignem Leben,
Der Staatsmann, weil der Brüder feindlich Streben
In einen Strom zu lenken er verstanden.
Der Erste schuf in höchster, hehrster Reinheit
Uns eine deutsche Kunst, indes der Zweite
Den Nothung schweißte – unsres Volkes Einheit.
O daß dich, heilges Deutschtum, nie entweihte
Fremdländersucht und Bruderzwistes Kleinheit:
Den blieb’ die Palme dann in jedem Streite!
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Wereschtschagin
noch denk’ ich dran, wie ich vor sieben Jahren,
Blutjunger Marssohn, stand vor seinen Bildern;
Seitdem konnt’ Zeit, Gewohnheit, Stand nicht mildern
Den tiefen Riß, den dort mein Herz erfahren.
Gedanken, die seit längst die meinen waren,
Zu Wogen schwoll’n sie dort, zu immer wildern,
Es war ein Zwiespalt, den nicht Worte schildern,
Die Menschen schienen Wilde mir, Barbaren.
O Wereschtschagin! Zwar du warst kein Dichter,
Doch wer hat mehr, sie oder du, gelehret,
Wo unser Heil, wo unsre Hölle liege?
Was ist das Lied verhimmelnder Berichter
Von Schlacht und Graus, die nur ihr Sang vermehret,
Gen deine Flammenbotschaft: Krieg dem Kriege!
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Ernst Haeckel
Die Welträtsel! Wie wenig doch zu halten
Vermag ein Buch, des Name so verheißend!
Ideen mitsamt Idolen niederreißend,
Wie wenig faßt’s des Lebens wahres Walten!
Ein freier Geist zwar wehet durch die Spalten,
Doch wird er seicht, voll kind’schen Hochmuts gleißend.
Nichts ändern Wissenschaft, nichts Witze beißend,
Gott, Jenseits, Freiheit – bleiben stets die alten.
Substanz, Stoff, Kraft – uralte Litaneien!
Dem Rätsel bringt’s um keines Haares Breite
Uns näher, noch der Wahrheit an die Seite.
Stets raunt’s von Yggdrasil von ew’gen Dingen,
Ob Kinder zeitweis’ auch den Baum umspringen
Und: heureka! ich hab’s gefunden! schreien.
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Grabbe
Wer alles prüfen und das beste wählen
Zur Richtschnur nimmt beim Lesen solcher Dichter,
Der wird auch dir ein mild ergriff’ner Richter,
Wenn nicht dich gar zu seinen Liebsten zählen.
Wohl wird er Gothland, wird gar vieles schmälen,
Und erst dein Leben, arger Selbstvernichter;
Doch strahlen wird sein Aug’ begeist’rungslichter,
Wird deinen Staufern sich sein Geist vermählen.
O Sechster Heinrich! Friedrich Barbarosse!
O deutscher Vorzeit ragende Kolosse!
Floht von der Bühne ihr zum Zauberschlosse?
Denn was uns deutsche Dichter heut’ kredenzen,
Vor eurem Schimmer, Schwert- und Panzerglänzen
Ist Pöbelschmutz und Brandweindunst und Posse,
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Platen
Du durftest nicht mit Großen um die Wette
Zu stampfen wagen des Theaters Boden;
Romant’schen Unsinns Urwald auszuroden
War keine Großtat auf dem Bühnenbrette.
Doch was den Ruhm dir rettet stets und rette,
Hoch ob der Zeiten Mißgeschmack und Moden,
Sind die Ghaselen, die gewalt’gen Oden,
Sind deine süßen, schmelzenden Sonette.
Hier bist du groß, hier übertrifft dich keiner,
Hier meiner kleinen Götter bist du einer,
Hier nur begeistert folg’ ich deiner Fahne.
Und was zunächst dich wert mir macht und teuer:
Du glühest auch von jener Liebe Feuer,
Der Hafis sang und Hellas jauchzt’ Päane.
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Byron
Ob du mit Cain des Geistes Marmorblöcke
Voll Trotz Jehova in die Fenster fegtest;
Ob du mit Manfred Schuldverzweiflung hegest,
Und doch verscheuchst der Hölle finst’re Böcke.
Ob du mit Harold, Meere, Felsenstöcke
Und Länder preisend, deine Saiten regest;
Ob mit Juan du lüstern sie bewegest
Und Streiche singst, Liebschaften, Mädchenröcke;
Ob Loch nach Gar, ob Idas Lob du singest,
Ob du zu Marys Jugendlieb’ dich schwingest,
Ob du gen Gott, dich selbst, die Satzung ringest,
Ob Denkers, Dichters, Stutzers Preis dich kröne:
Stets liebend folgt dir meiner Kunst Kamöne,
Denn was du singst – mir sind’s verwandte Töne!
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Richard Wagner
Dir dank’ ich Welten! Dies mein ganzes Ich
Ist halb mein Werk nur, halb von dir gegeben.
Das hehrste Schwelgen, höchste Seinserheben,
Der Wonnen stärkste schlürft’ ich ein durch dich.
In deinem Zeichen ward, wuchs, formte sich
Seit jung mein ganzes Fühlen, Denken, Weben,
In deinen Helden len’ ich zehnfach Leben,
Fühl’ hundertfach in deinen Klängen mich.
O Siegfrieds sang! O Tristans Tongewalten!
O Wolfram! Walther! Heinrich! Lohengrin!
Was wär’ ich Bettler ohne die Gestalten,
Die Menschen, Weisen, drin ich atm’ und lebe
Mit allem, was ich sinn’ und wirk’ und webe
Und träum’ und denk’ und dicht’ und fühl’ und bin!
Der Anspruch ihn auszudrücken, schärft auch den Eindruck.
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