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Sonnets 115
#1
William Shakespeare
1564 – 1616 England


CXV.

Those lines that I before have writ do lie,
Even those that said I could not love you dearer:
Yet then my judgment knew no reason why
My most full flame should afterwards burn clearer.
But reckoning time, whose million'd accidents
Creep in 'twixt vows and change decrees of kings,
Tan sacred beauty, blunt the sharp'st intents,
Divert strong minds to the course of altering things;
Alas, why, fearing of time's tyranny,
Might I not then say 'Now I love you best,'
When I was certain o'er incertainty,
Crowning the present, doubting of the rest?
Love is a babe; then might I not say so,
To give full growth to that which still doth grow?




.
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#2
Übersetzung von
Terese Robinson



CXV.


Die Zeilen lügen, die ich einst dir schrieb:
„Nie werde ich dich heißer lieben können.“
Ich wußte nicht, durch welchen Grund und Trieb
Die hohe Flamme sollte höher brennen.
Doch wissend nun, daß tausendfach die Zeit
In Schwüre kriecht, der Fürsten Willen wendet,
Die Schönheit gilbt, die Spitze hämmert breit,
Den Großen lenkt, daß er im kleinen endet,
So bangend vor der Zeit tyrannischem Sinn,
Was sag’ ich nicht: „am tiefsten lieb ich jetzt“,
Da ich gewiß des Ungewissen bin,
Kröne das Heut’ und zweifle am Zuletzt?

Ein Kind ist Liebe, drum hätt’ ich geirrt,
Das reif zu nennen, was stets wächst und wird.


.
Der Anspruch ihn auszudrücken, schärft auch den Eindruck.
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#3
In der Übersetzung von
Johann Gottlob Regis



CXV.

Was ich dir vormals schrieb, falsch muß ich’s nennen:
„Nie könnt’ ich wärmer lieben dich als heut.“
Denn wie die Glut je heller sollte brennen,
Sah da mein Urteil keine Möglichkeit.

Und doch: wenn Zeit und Zufall tausendfältig
Gelübde lockert, feste Zwecke lähmt,
Geweihte Schönheit schwärzt, der Fürsten Rat gewältigt,
Dem Ungefähr die Störrigsten bequemt:

Ach! durft’ ich da, bang vor der Zeiten Hand,
Nicht sagen: „Jetzt lieb ich am meisten ihn.“
Als ich gewiß war über Unbestand,
Das Heut ergriff, weil Morgen dunkel schien?

Lieb’ ist ein Kind, das fort und fort gedeiht;
Zu vollen Wachstum ließ mein Wort ihm Zeit.


.
Der Anspruch ihn auszudrücken, schärft auch den Eindruck.
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