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		<title><![CDATA[Sonett-Forum - Anastasius Grün]]></title>
		<link>https://sonett.fontane-place.de/</link>
		<description><![CDATA[Sonett-Forum - https://sonett.fontane-place.de]]></description>
		<pubDate>Mon, 29 Jun 2026 21:52:11 +0000</pubDate>
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		<item>
			<title><![CDATA[Moderne Panazee]]></title>
			<link>https://sonett.fontane-place.de/showthread.php?tid=26492</link>
			<pubDate>Fri, 29 Dec 2023 08:36:54 +0100</pubDate>
			<dc:creator><![CDATA[<a href="https://sonett.fontane-place.de/member.php?action=profile&uid=1">ZaunköniG</a>]]></dc:creator>
			<guid isPermaLink="false">https://sonett.fontane-place.de/showthread.php?tid=26492</guid>
			<description><![CDATA[<span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">Moderne Panazee</span><br />
1855<br />
<br />
<br />
Es geht durchs All ein unerhörtes Wettern,<br />
Der Blitz umzüngelt den gehäuften Zunder;<br />
Wie fallen sie so schnell aufs Knie jetzunder,<br />
Wie flink bekreuzen Basen sich und Fettern!<br />
<br />
Des Schlags gewärtig, der den Erdenplunder<br />
In Lüfte sprengte, winseln sie nach Rettern,<br />
Nachstammelnd des Vorbeters heil’gen Blättern;<br />
Er ist ihr Paraklet, ihr Hort, ihr Wunder!<br />
<br />
Mir wär’s ein Größrer, der in den Gewittern,<br />
Ein andrer Franklin, mit gefeiter Spitze<br />
zur Zinne klömm’, indes sie unten zittern;<br />
<br />
Auf daß er, wie das Zepter den Tyrannen,<br />
Dem Himmel auch entwinde seine Blitze,<br />
Bis sie am eh’rnen Stab machtlos zerrannen.<br />
<br />
<br />
.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">Moderne Panazee</span><br />
1855<br />
<br />
<br />
Es geht durchs All ein unerhörtes Wettern,<br />
Der Blitz umzüngelt den gehäuften Zunder;<br />
Wie fallen sie so schnell aufs Knie jetzunder,<br />
Wie flink bekreuzen Basen sich und Fettern!<br />
<br />
Des Schlags gewärtig, der den Erdenplunder<br />
In Lüfte sprengte, winseln sie nach Rettern,<br />
Nachstammelnd des Vorbeters heil’gen Blättern;<br />
Er ist ihr Paraklet, ihr Hort, ihr Wunder!<br />
<br />
Mir wär’s ein Größrer, der in den Gewittern,<br />
Ein andrer Franklin, mit gefeiter Spitze<br />
zur Zinne klömm’, indes sie unten zittern;<br />
<br />
Auf daß er, wie das Zepter den Tyrannen,<br />
Dem Himmel auch entwinde seine Blitze,<br />
Bis sie am eh’rnen Stab machtlos zerrannen.<br />
<br />
<br />
.]]></content:encoded>
		</item>
		<item>
			<title><![CDATA[Poesie der Zukunft]]></title>
			<link>https://sonett.fontane-place.de/showthread.php?tid=26491</link>
			<pubDate>Tue, 26 Dec 2023 01:52:33 +0100</pubDate>
			<dc:creator><![CDATA[<a href="https://sonett.fontane-place.de/member.php?action=profile&uid=1">ZaunköniG</a>]]></dc:creator>
			<guid isPermaLink="false">https://sonett.fontane-place.de/showthread.php?tid=26491</guid>
			<description><![CDATA[<span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">„Poesie der Zukunft“<br />
1850</span><br />
<br />
<br />
Wo sie die wilde Schlacht geschlagen haben,<br />
O lauscht nicht auf dem Feld nach Lerchensange!<br />
Da kreischt die Krähe nur nach blankem Fange,<br />
Dann kommen erst die Geier und die Raben;<br />
<br />
Sie kommen zu beerben, zu begraben;<br />
Dann kommt Erstarrung, Schweigen, lange, lange,<br />
Bis spät der Sämann kommt vom nächsten Hange,<br />
Zu streuen seines Saatkorbs neue Gaben.<br />
<br />
Als läg’ im Körnlein eine Liederseele,<br />
Erhebt sich dann aus seinem Ährenmeere<br />
Die Lerche, eine sangbegabte Ähre. –<br />
<br />
„Wann steigt aus goldner Saat die goldne Kehle?“<br />
Mich dünkt, die Toten sind noch unbegraben,<br />
Noch währt die Zeit der Geier und der Raben.<br />
<br />
<br />
.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">„Poesie der Zukunft“<br />
1850</span><br />
<br />
<br />
Wo sie die wilde Schlacht geschlagen haben,<br />
O lauscht nicht auf dem Feld nach Lerchensange!<br />
Da kreischt die Krähe nur nach blankem Fange,<br />
Dann kommen erst die Geier und die Raben;<br />
<br />
Sie kommen zu beerben, zu begraben;<br />
Dann kommt Erstarrung, Schweigen, lange, lange,<br />
Bis spät der Sämann kommt vom nächsten Hange,<br />
Zu streuen seines Saatkorbs neue Gaben.<br />
<br />
Als läg’ im Körnlein eine Liederseele,<br />
Erhebt sich dann aus seinem Ährenmeere<br />
Die Lerche, eine sangbegabte Ähre. –<br />
<br />
„Wann steigt aus goldner Saat die goldne Kehle?“<br />
Mich dünkt, die Toten sind noch unbegraben,<br />
Noch währt die Zeit der Geier und der Raben.<br />
<br />
<br />
.]]></content:encoded>
		</item>
		<item>
			<title><![CDATA[Philomele]]></title>
			<link>https://sonett.fontane-place.de/showthread.php?tid=26490</link>
			<pubDate>Sat, 23 Dec 2023 09:38:24 +0100</pubDate>
			<dc:creator><![CDATA[<a href="https://sonett.fontane-place.de/member.php?action=profile&uid=1">ZaunköniG</a>]]></dc:creator>
			<guid isPermaLink="false">https://sonett.fontane-place.de/showthread.php?tid=26490</guid>
			<description><![CDATA[<span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">Philomele<br />
1848</span><br />
<br />
<br />
Nicht im Orkane singt die Philomele,<br />
Sie lauscht im Buschverstecke, wie’s gewittert,<br />
Wie Sturm die Orgel schlägt und Eichen splittert;<br />
Das Grauen schnürt ihr zu die zarte Kehle.<br />
<br />
Der Sturm doch bleibt gewonnen ihrer Seele. –<br />
Wenn Tau und Duft um deine Rosen zittert,<br />
O Mainacht, mondgekrönt und sternbeflittert,<br />
Dann jauchzt ihr Sang durch deine Blütensäle.<br />
<br />
Und weißt du gut mit feinerm Ohr zu lauschen,<br />
So hörst du nur den Sturm von damals rauschen,<br />
Durch ihre Kehle jene Donner schmettern;<br />
<br />
Du hörst den Angstschrei, banges Wipfelsausen,<br />
Den nahen raschen Schlag, ein fern verbrausen, -<br />
Doch süßer Wohllaut nur rollt in den Wettern.<br />
<br />
<br />
.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">Philomele<br />
1848</span><br />
<br />
<br />
Nicht im Orkane singt die Philomele,<br />
Sie lauscht im Buschverstecke, wie’s gewittert,<br />
Wie Sturm die Orgel schlägt und Eichen splittert;<br />
Das Grauen schnürt ihr zu die zarte Kehle.<br />
<br />
Der Sturm doch bleibt gewonnen ihrer Seele. –<br />
Wenn Tau und Duft um deine Rosen zittert,<br />
O Mainacht, mondgekrönt und sternbeflittert,<br />
Dann jauchzt ihr Sang durch deine Blütensäle.<br />
<br />
Und weißt du gut mit feinerm Ohr zu lauschen,<br />
So hörst du nur den Sturm von damals rauschen,<br />
Durch ihre Kehle jene Donner schmettern;<br />
<br />
Du hörst den Angstschrei, banges Wipfelsausen,<br />
Den nahen raschen Schlag, ein fern verbrausen, -<br />
Doch süßer Wohllaut nur rollt in den Wettern.<br />
<br />
<br />
.]]></content:encoded>
		</item>
		<item>
			<title><![CDATA[An Nikolaus Lenau (12)]]></title>
			<link>https://sonett.fontane-place.de/showthread.php?tid=26487</link>
			<pubDate>Wed, 20 Dec 2023 01:13:07 +0100</pubDate>
			<dc:creator><![CDATA[<a href="https://sonett.fontane-place.de/member.php?action=profile&uid=1">ZaunköniG</a>]]></dc:creator>
			<guid isPermaLink="false">https://sonett.fontane-place.de/showthread.php?tid=26487</guid>
			<description><![CDATA[<span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">An Nikolaus Lenau</span><br />
<br />
<br />
<span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">I. 1845</span><br />
<br />
Als wettergleich fernher ertönt die Kunde,<br />
Daß du geschmiedet an den Fels der Leiden,<br />
Da fühlt’ ich durch das eigne Herz mir schneiden<br />
Ein großes Unglück, eine tiefe Wunde.<br />
<br />
Ich sprieße gern für mich allein im Grunde,<br />
Doch möcht’ an dir zu ranken ich nicht meiden,<br />
Ein Gottesurteil war mir dein Entscheiden,<br />
Mein liebster Kranz das Lob aus deinem Munde.<br />
<br />
Du sprachst mir Mut, als Unmut mich gebogen,<br />
Du hieltst mich wert; dein Mund, der nie gelogen,<br />
Er lehrte mich an eignen Wert zu glauben.<br />
<br />
Und wollten dich mir die Dämonen rauben,<br />
Zerbrochen wär’ mein Stab, mein Kranz zerrissen,<br />
Und tot in dir mein Hoffen – mein Gewissen.<br />
<br />
<br />
<span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">II.</span><br />
<br />
Es kam der Herbst. Zu jedem Sonnenstrahle<br />
Sprach ich: Was lachst du mir? Zieh hin, vermähle,<br />
Du Klarer, dich der kranken Freundesseele,<br />
Ihm keltre du den Heiltrank in die Schale.<br />
<br />
Der Winter kam. Ich bat ihn: Mir nicht male<br />
Die Wangen rot, nicht mir die Sehnen stähle!<br />
Den kranken Freund dir zur Verjüngung wähle,<br />
Härt’ ihm den Leib, der Rüstung gleich von Stahle.<br />
<br />
Es kam der Lenz. Ich sprach: Nicht mich umschmeichle!<br />
Die schwarzen Locken aus den Augen streichle<br />
Dem kranken Freund, und seine Stirne kühle!<br />
<br />
Das Schönste deiner Flur sollst du erlesen,<br />
Ans Herz ihm legen Blumen der Gefühle,<br />
Und kann er’s, wird an ihnen er genesen.<br />
<br />
<br />
<span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">III.</span><br />
<br />
O hört’ ein Lied ich deinem Mund entklingen!<br />
Genesung ist’s, blühst du in Sängen wieder;<br />
Des Dichterbaumes Blüten sind die Lieder,<br />
Kein kranker Baum wird solche Blüten bringen.<br />
<br />
Sei’s auch ein düstres Lied, wenn nur dein Singen!<br />
Die dunkle Tanne blüht nicht hell wie Flieder,<br />
Selbst deine Lerchen tragen schwarz Gefieder,<br />
Nur Morgenrot vergoldet ihre Schwingen.<br />
<br />
Es ist dein Lied der rätselvolle Falter,<br />
Der einen Totenschädel trägt zum Schilde;<br />
Doch nur durch schöne Frühlingsnächte wallt er!<br />
<br />
Der Passiflore gleicht’s, ein Kreuz umschwankend,<br />
Ein göttlich Leiden formt ihr Blühn zum Bilde;<br />
Doch nur in Frühlingssonnen blüht sie rankend.<br />
<br />
<br />
<span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">IV. - Winnental</span><br />
<br />
Welch Wiedersehn! Zerstörung und Entsetzen!<br />
Ein prächt’ger Vollmondhimmel war dein Träumen;<br />
Jetzt prasseln Sterne, fallend, in den Räumen,<br />
Durchrast von Blitzesknäueln, Wolkenfetzen.<br />
<br />
Ich beb’ – und soll vielleicht dich glücklich schätzen!<br />
Krankheit vielleicht ist höhern Lebens Schäumen.<br />
Wir sehn das schwarze Zauberroß sich bäumen,<br />
Wild reißt es aus, gespornt, in scheuen Sätzen.<br />
<br />
Ein kühner Reiter ohne Zaum und Decken,<br />
Sprengst du dahin durch ungemeßne Weiten<br />
Und wirfst uns zu im Flug gepflückte Sterne.<br />
<br />
Gelähmt ist die Verwundrung uns vom Schrecken;<br />
Dem Auge, das noch zagt dich zu begleiten,<br />
Verschwand dein Flug im Nebelgrau der Ferne.<br />
<br />
<br />
<span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">V.</span><br />
<br />
Im Hofraum flüstert noch der alte Bronnen<br />
Wie einst, als diese Mauern Klosterhallen,<br />
Er sah im Zwangshabit einst Mönche wallen<br />
Und fang sie ein in der Verzückung Wonnen.<br />
<br />
Doch andern Kultus hat der Herr ersonnen,<br />
Ihn preist der Mönchchor, preist des Wahnsinns Lallen;<br />
Noch wohnen hier, die mit der Welt zerfallen,<br />
Im Zwangshabit, von glüh’ndem Traum umsponnen.<br />
<br />
Sie haben eingekleidet dich der Zelle,<br />
Klausur verschloß das Pförtlein, da wir harrten;<br />
O sink in himmlischer Verzückung Wonnen!<br />
<br />
Ist’s auch nur Traum, sei er doch süß und helle;<br />
Die alten Blumen säuseln noch im Garten,<br />
Im Hofraum flüstert noch der alte Bronnen.<br />
<br />
<br />
<span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">VI.</span><br />
<br />
O träume, was dein Herz einst mocht’ erregen,<br />
Schau’ in Ekstasen, was versagt dem Wachen,<br />
Besieg’ im Traum den alten Sündendrachen;<br />
Schütt’ aus den edlen Zorn in Wetterschlägen;<br />
<br />
Doch sie auch deines, unsres Zornes Segen:<br />
Das Wort, entknechtet, große Tat entfachen,<br />
O sieh des Vaterlands glorreich Erwachen,<br />
Den Saatenjubel nach Gewitterregen!<br />
<br />
Das schöne Deutschland einig, fei und mächtig;<br />
Die Weisheit hält das Buch, das Recht den Degen,<br />
Den Hader nur ließ sie in Ketten legen.<br />
<br />
O schwelgerisches Wahnbild, stolz und prächtig!<br />
Das Fieber nur darf dran die Augen weiden –<br />
Weh, der Gesunde muß den Kranken neiden.<br />
<br />
<br />
<span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">VII. – Döbling  1848. 1849.</span><br />
<br />
„Deutschland ist frei!“ Im Jubelsturm nur leise,<br />
Dich nicht zu schrecken, klang’s aus Freundesmunde;<br />
Der Lenzstrahl doch, an dem dein Herz gesunde,<br />
Ach, er durchdrang nicht deines Geistes Eise.<br />
<br />
„Deutschland ist frei!“ So scholl die letzte Weise,<br />
Dich zu erwecken, donnernd in der Runde;<br />
Der beste Heilquell ist solch große Stunde –<br />
Doch sie zerbrach nicht deines Bannes Kreise.<br />
<br />
Des eh’rnen Kaiserbilds will mich’s gemahnen,<br />
Dem in die Hand sein Volk zurückgegeben<br />
Die heil’ge Fahne, der einst galt sein Ringen;<br />
<br />
Hoch flattert sie, die Fahne aller Fahnen,<br />
Ins starre Erzbild doch facht sie kein Leben,<br />
Und jener Tote wird sie nimmer schwingen.<br />
<br />
<br />
<span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">VIII.</span><br />
<br />
Um einen Frühling ist mein Leben ärmer!<br />
Ein Lenz verblühte unbemerkt, verlassen,<br />
Umsonst ließ er die Luft sein Gold verprassen,<br />
Im Wald sich heiser schmettern bunte Lärmer.<br />
<br />
Traun, jenes Jahr hat keinen Frühlingsschwärmer;<br />
Da stimmten vollern Chor die Völkermassen,<br />
Da blühten schwarzrotgolden selbst die Gassen,<br />
Im Volksrat die Gestirne flammten wärmer.<br />
<br />
So ganz vergaß ich, daß Natur auch blühte!<br />
Ich frug um ihren Lenz erst, als schon Flocken<br />
Das Schneegewölk auf dürre Stoppeln sprühte. –<br />
<br />
Lenz kam aufs neu’; ich aber fühl erschrocken,<br />
Daß Duft und Blütenspiel mich wieder locken,<br />
Waldstimmen wieder rühren mein Gemüte!<br />
<br />
<br />
<span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">IX.</span><br />
<br />
Du aber siehst es nicht, was wir beklagen:<br />
Jetzt Nebel schleichend, wo’s so schön gewittert,<br />
Der Zeit Panier in Kot geschleift, zerknittert<br />
Von Händen, die’s zu Sternen sollten tragen;<br />
<br />
Der Einheit Ring am Mäkelsinn zersplittert,<br />
Wie Liebesglut am Ehepakt zerschlagen;<br />
Doch Leichen, die schon auf der Bahre lagen,<br />
Zur Lebenslüge neugeschminkt, beflittert;<br />
<br />
Die wilde Freiheit nur der Leidenschaften,<br />
Blutwunden, die durch Bruderliebe klafften,<br />
Despoten, die das Purpurkleid nur meiden,<br />
<br />
Verrat und Schmach mit unsrer Flagge fahren,<br />
Das Sternenbanner, deckend den Korsaren! –<br />
Noch muß den Kranken der Gesunde neiden.<br />
<br />
<br />
<span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">X. 1850</span><br />
<br />
Und als der Sturm vorbei und sie vom Zittern<br />
Genesen, da erstarkten sie zum Schmähen,<br />
Und dich und uns, die ihn vorausgesehen,<br />
Urheber schalten sie von den Gewittern. –<br />
<br />
Sturmvogel warnt, bevor die Masten knittern;<br />
Er weiß: der Seemann wird den Ruf verstehen,<br />
Sich rüsten, treu nach Tau und Segel spähen,<br />
Daß der Orkan sein Schiff nicht schlag’ zu Splittern.<br />
<br />
Und wollt’ ein Bube oder Fremdling wagen<br />
Den Vogel mit dem Feuerrohr zu messen,<br />
Der Schiffer wird es aus der Hand ihm schlagen;<br />
<br />
Denn heilig hält den Warner er in Ehren,<br />
Der ein geheimniskund’ger Bote dessen,<br />
der bald in Wettern spricht zu Land und Meeren.<br />
<br />
<br />
<span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">XI.</span><br />
<br />
Dein Arm zuckt fiebernd auf der Seidendecke:<br />
Er sucht den Reisestab, so will’s mir scheinen,<br />
Und daß die Zeit der Kleinen und Gemeinen<br />
Die Wanderlust der Großen, Edeln wecke.<br />
<br />
Wie blähn sich hoch die erst so winzig Kleinen,<br />
Wie klingt der erst so Zahmen Wort so kecke,<br />
Scheintote springen dreist aus dem Verstecke,<br />
Seit sie gebändigt die Unbänd’gen meinen.<br />
<br />
Vergrabnen Truh’n entsteigt in welken Flittern<br />
Manch abgestreifter Balg von Mönchen, Rittern; -<br />
Gelernt, vergessen nichts! gleich jenen andern.<br />
<br />
Wo Unkensang sich mengt dem Wolfsgeheule,<br />
Und in den Wipfeln Kuckuck thront und Eule,<br />
Da müssen Nachtigall und Adler wandern.<br />
<br />
<br />
<span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">XII. - Helgoland</span><br />
<br />
Ich stand auf Helgoland. Aus schwanken Booten<br />
Kam neuer Gäste Schar zum Strand geschritten;<br />
Da rief mir’s zu: „Dein Freund hat ausgelitten!<br />
Tod löste mild den dunkeln lebensknoten.“ - -<br />
<br />
Fürwahr, der düstre Fels in Meeresmitten,<br />
Ein Ort ist’s, recht zu denken dieses Toten!<br />
Und solcher Kunde köönt ihr bessern Boten<br />
Als sein geliebtes Meer wohl nicht erbitten;<br />
<br />
Dies Nordmeer, das umwölkt, in Trauerschleiern,<br />
Mit Klaggestöhn’ scheint seinen Tod zu feiern<br />
Und an mein Herz sich wirft mit lautem Greinen;<br />
<br />
Wie eine Witwe stürzt vom Todesbette<br />
Des Gatten an des Bruders Brust, die Stätte<br />
Erlesend, ihren Jammer auszuweinen.<br />
<br />
<br />
.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">An Nikolaus Lenau</span><br />
<br />
<br />
<span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">I. 1845</span><br />
<br />
Als wettergleich fernher ertönt die Kunde,<br />
Daß du geschmiedet an den Fels der Leiden,<br />
Da fühlt’ ich durch das eigne Herz mir schneiden<br />
Ein großes Unglück, eine tiefe Wunde.<br />
<br />
Ich sprieße gern für mich allein im Grunde,<br />
Doch möcht’ an dir zu ranken ich nicht meiden,<br />
Ein Gottesurteil war mir dein Entscheiden,<br />
Mein liebster Kranz das Lob aus deinem Munde.<br />
<br />
Du sprachst mir Mut, als Unmut mich gebogen,<br />
Du hieltst mich wert; dein Mund, der nie gelogen,<br />
Er lehrte mich an eignen Wert zu glauben.<br />
<br />
Und wollten dich mir die Dämonen rauben,<br />
Zerbrochen wär’ mein Stab, mein Kranz zerrissen,<br />
Und tot in dir mein Hoffen – mein Gewissen.<br />
<br />
<br />
<span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">II.</span><br />
<br />
Es kam der Herbst. Zu jedem Sonnenstrahle<br />
Sprach ich: Was lachst du mir? Zieh hin, vermähle,<br />
Du Klarer, dich der kranken Freundesseele,<br />
Ihm keltre du den Heiltrank in die Schale.<br />
<br />
Der Winter kam. Ich bat ihn: Mir nicht male<br />
Die Wangen rot, nicht mir die Sehnen stähle!<br />
Den kranken Freund dir zur Verjüngung wähle,<br />
Härt’ ihm den Leib, der Rüstung gleich von Stahle.<br />
<br />
Es kam der Lenz. Ich sprach: Nicht mich umschmeichle!<br />
Die schwarzen Locken aus den Augen streichle<br />
Dem kranken Freund, und seine Stirne kühle!<br />
<br />
Das Schönste deiner Flur sollst du erlesen,<br />
Ans Herz ihm legen Blumen der Gefühle,<br />
Und kann er’s, wird an ihnen er genesen.<br />
<br />
<br />
<span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">III.</span><br />
<br />
O hört’ ein Lied ich deinem Mund entklingen!<br />
Genesung ist’s, blühst du in Sängen wieder;<br />
Des Dichterbaumes Blüten sind die Lieder,<br />
Kein kranker Baum wird solche Blüten bringen.<br />
<br />
Sei’s auch ein düstres Lied, wenn nur dein Singen!<br />
Die dunkle Tanne blüht nicht hell wie Flieder,<br />
Selbst deine Lerchen tragen schwarz Gefieder,<br />
Nur Morgenrot vergoldet ihre Schwingen.<br />
<br />
Es ist dein Lied der rätselvolle Falter,<br />
Der einen Totenschädel trägt zum Schilde;<br />
Doch nur durch schöne Frühlingsnächte wallt er!<br />
<br />
Der Passiflore gleicht’s, ein Kreuz umschwankend,<br />
Ein göttlich Leiden formt ihr Blühn zum Bilde;<br />
Doch nur in Frühlingssonnen blüht sie rankend.<br />
<br />
<br />
<span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">IV. - Winnental</span><br />
<br />
Welch Wiedersehn! Zerstörung und Entsetzen!<br />
Ein prächt’ger Vollmondhimmel war dein Träumen;<br />
Jetzt prasseln Sterne, fallend, in den Räumen,<br />
Durchrast von Blitzesknäueln, Wolkenfetzen.<br />
<br />
Ich beb’ – und soll vielleicht dich glücklich schätzen!<br />
Krankheit vielleicht ist höhern Lebens Schäumen.<br />
Wir sehn das schwarze Zauberroß sich bäumen,<br />
Wild reißt es aus, gespornt, in scheuen Sätzen.<br />
<br />
Ein kühner Reiter ohne Zaum und Decken,<br />
Sprengst du dahin durch ungemeßne Weiten<br />
Und wirfst uns zu im Flug gepflückte Sterne.<br />
<br />
Gelähmt ist die Verwundrung uns vom Schrecken;<br />
Dem Auge, das noch zagt dich zu begleiten,<br />
Verschwand dein Flug im Nebelgrau der Ferne.<br />
<br />
<br />
<span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">V.</span><br />
<br />
Im Hofraum flüstert noch der alte Bronnen<br />
Wie einst, als diese Mauern Klosterhallen,<br />
Er sah im Zwangshabit einst Mönche wallen<br />
Und fang sie ein in der Verzückung Wonnen.<br />
<br />
Doch andern Kultus hat der Herr ersonnen,<br />
Ihn preist der Mönchchor, preist des Wahnsinns Lallen;<br />
Noch wohnen hier, die mit der Welt zerfallen,<br />
Im Zwangshabit, von glüh’ndem Traum umsponnen.<br />
<br />
Sie haben eingekleidet dich der Zelle,<br />
Klausur verschloß das Pförtlein, da wir harrten;<br />
O sink in himmlischer Verzückung Wonnen!<br />
<br />
Ist’s auch nur Traum, sei er doch süß und helle;<br />
Die alten Blumen säuseln noch im Garten,<br />
Im Hofraum flüstert noch der alte Bronnen.<br />
<br />
<br />
<span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">VI.</span><br />
<br />
O träume, was dein Herz einst mocht’ erregen,<br />
Schau’ in Ekstasen, was versagt dem Wachen,<br />
Besieg’ im Traum den alten Sündendrachen;<br />
Schütt’ aus den edlen Zorn in Wetterschlägen;<br />
<br />
Doch sie auch deines, unsres Zornes Segen:<br />
Das Wort, entknechtet, große Tat entfachen,<br />
O sieh des Vaterlands glorreich Erwachen,<br />
Den Saatenjubel nach Gewitterregen!<br />
<br />
Das schöne Deutschland einig, fei und mächtig;<br />
Die Weisheit hält das Buch, das Recht den Degen,<br />
Den Hader nur ließ sie in Ketten legen.<br />
<br />
O schwelgerisches Wahnbild, stolz und prächtig!<br />
Das Fieber nur darf dran die Augen weiden –<br />
Weh, der Gesunde muß den Kranken neiden.<br />
<br />
<br />
<span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">VII. – Döbling  1848. 1849.</span><br />
<br />
„Deutschland ist frei!“ Im Jubelsturm nur leise,<br />
Dich nicht zu schrecken, klang’s aus Freundesmunde;<br />
Der Lenzstrahl doch, an dem dein Herz gesunde,<br />
Ach, er durchdrang nicht deines Geistes Eise.<br />
<br />
„Deutschland ist frei!“ So scholl die letzte Weise,<br />
Dich zu erwecken, donnernd in der Runde;<br />
Der beste Heilquell ist solch große Stunde –<br />
Doch sie zerbrach nicht deines Bannes Kreise.<br />
<br />
Des eh’rnen Kaiserbilds will mich’s gemahnen,<br />
Dem in die Hand sein Volk zurückgegeben<br />
Die heil’ge Fahne, der einst galt sein Ringen;<br />
<br />
Hoch flattert sie, die Fahne aller Fahnen,<br />
Ins starre Erzbild doch facht sie kein Leben,<br />
Und jener Tote wird sie nimmer schwingen.<br />
<br />
<br />
<span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">VIII.</span><br />
<br />
Um einen Frühling ist mein Leben ärmer!<br />
Ein Lenz verblühte unbemerkt, verlassen,<br />
Umsonst ließ er die Luft sein Gold verprassen,<br />
Im Wald sich heiser schmettern bunte Lärmer.<br />
<br />
Traun, jenes Jahr hat keinen Frühlingsschwärmer;<br />
Da stimmten vollern Chor die Völkermassen,<br />
Da blühten schwarzrotgolden selbst die Gassen,<br />
Im Volksrat die Gestirne flammten wärmer.<br />
<br />
So ganz vergaß ich, daß Natur auch blühte!<br />
Ich frug um ihren Lenz erst, als schon Flocken<br />
Das Schneegewölk auf dürre Stoppeln sprühte. –<br />
<br />
Lenz kam aufs neu’; ich aber fühl erschrocken,<br />
Daß Duft und Blütenspiel mich wieder locken,<br />
Waldstimmen wieder rühren mein Gemüte!<br />
<br />
<br />
<span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">IX.</span><br />
<br />
Du aber siehst es nicht, was wir beklagen:<br />
Jetzt Nebel schleichend, wo’s so schön gewittert,<br />
Der Zeit Panier in Kot geschleift, zerknittert<br />
Von Händen, die’s zu Sternen sollten tragen;<br />
<br />
Der Einheit Ring am Mäkelsinn zersplittert,<br />
Wie Liebesglut am Ehepakt zerschlagen;<br />
Doch Leichen, die schon auf der Bahre lagen,<br />
Zur Lebenslüge neugeschminkt, beflittert;<br />
<br />
Die wilde Freiheit nur der Leidenschaften,<br />
Blutwunden, die durch Bruderliebe klafften,<br />
Despoten, die das Purpurkleid nur meiden,<br />
<br />
Verrat und Schmach mit unsrer Flagge fahren,<br />
Das Sternenbanner, deckend den Korsaren! –<br />
Noch muß den Kranken der Gesunde neiden.<br />
<br />
<br />
<span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">X. 1850</span><br />
<br />
Und als der Sturm vorbei und sie vom Zittern<br />
Genesen, da erstarkten sie zum Schmähen,<br />
Und dich und uns, die ihn vorausgesehen,<br />
Urheber schalten sie von den Gewittern. –<br />
<br />
Sturmvogel warnt, bevor die Masten knittern;<br />
Er weiß: der Seemann wird den Ruf verstehen,<br />
Sich rüsten, treu nach Tau und Segel spähen,<br />
Daß der Orkan sein Schiff nicht schlag’ zu Splittern.<br />
<br />
Und wollt’ ein Bube oder Fremdling wagen<br />
Den Vogel mit dem Feuerrohr zu messen,<br />
Der Schiffer wird es aus der Hand ihm schlagen;<br />
<br />
Denn heilig hält den Warner er in Ehren,<br />
Der ein geheimniskund’ger Bote dessen,<br />
der bald in Wettern spricht zu Land und Meeren.<br />
<br />
<br />
<span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">XI.</span><br />
<br />
Dein Arm zuckt fiebernd auf der Seidendecke:<br />
Er sucht den Reisestab, so will’s mir scheinen,<br />
Und daß die Zeit der Kleinen und Gemeinen<br />
Die Wanderlust der Großen, Edeln wecke.<br />
<br />
Wie blähn sich hoch die erst so winzig Kleinen,<br />
Wie klingt der erst so Zahmen Wort so kecke,<br />
Scheintote springen dreist aus dem Verstecke,<br />
Seit sie gebändigt die Unbänd’gen meinen.<br />
<br />
Vergrabnen Truh’n entsteigt in welken Flittern<br />
Manch abgestreifter Balg von Mönchen, Rittern; -<br />
Gelernt, vergessen nichts! gleich jenen andern.<br />
<br />
Wo Unkensang sich mengt dem Wolfsgeheule,<br />
Und in den Wipfeln Kuckuck thront und Eule,<br />
Da müssen Nachtigall und Adler wandern.<br />
<br />
<br />
<span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">XII. - Helgoland</span><br />
<br />
Ich stand auf Helgoland. Aus schwanken Booten<br />
Kam neuer Gäste Schar zum Strand geschritten;<br />
Da rief mir’s zu: „Dein Freund hat ausgelitten!<br />
Tod löste mild den dunkeln lebensknoten.“ - -<br />
<br />
Fürwahr, der düstre Fels in Meeresmitten,<br />
Ein Ort ist’s, recht zu denken dieses Toten!<br />
Und solcher Kunde köönt ihr bessern Boten<br />
Als sein geliebtes Meer wohl nicht erbitten;<br />
<br />
Dies Nordmeer, das umwölkt, in Trauerschleiern,<br />
Mit Klaggestöhn’ scheint seinen Tod zu feiern<br />
Und an mein Herz sich wirft mit lautem Greinen;<br />
<br />
Wie eine Witwe stürzt vom Todesbette<br />
Des Gatten an des Bruders Brust, die Stätte<br />
Erlesend, ihren Jammer auszuweinen.<br />
<br />
<br />
.]]></content:encoded>
		</item>
		<item>
			<title><![CDATA[Wellenklänge (4)]]></title>
			<link>https://sonett.fontane-place.de/showthread.php?tid=26494</link>
			<pubDate>Sun, 17 Dec 2023 00:41:33 +0100</pubDate>
			<dc:creator><![CDATA[<a href="https://sonett.fontane-place.de/member.php?action=profile&uid=1">ZaunköniG</a>]]></dc:creator>
			<guid isPermaLink="false">https://sonett.fontane-place.de/showthread.php?tid=26494</guid>
			<description><![CDATA[<span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">Wellenklänge</span><br />
<br />
<br />
<span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">Wildbach</span><br />
<br />
Reich ist das Meer! Gestirn’ und Sonne prägen<br />
Ihr Bild in sein Brokatgewand; ihm wallen<br />
Ins Becken, das voll Perlen und Korallen,<br />
Zinspflicht’ge Ströme, schüttend Goldessegen.<br />
<br />
Schmuckkästchen gleich die Silberflotten wägen,<br />
es leert, zerschlägt sie spielend nach Gefallen!<br />
Doch welche Botschaft macht so eilig wallen,<br />
Wildbächlein, dich aus armen Waldgehegen?<br />
<br />
„Reich ist das Meer, die Fürstin, die zum Feste<br />
Kostbar geschmückt mit Stoffen, Steinen, Ringen;<br />
Doch fehlt der Blumenstrauß ans Herz, das Beste!<br />
<br />
Das Meer sehnt sich nach fernem Waldesbildnis,<br />
Ich nahm es auf, ihm’s unentstellt zu bringen:<br />
Der Schönheit Macht ergänzt die arme Wildnis.“<br />
<br />
  <br />
<span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">Waldsee</span><br />
<br />
Da ruhst du, stiller See, im Waldesbette,<br />
engherzig, selbstisch, unserm Weh verschlossen! –<br />
„Weit übers Land war einst mein Born ergossen,<br />
Jed irdisch Leiden spiegelnd um die Wette.<br />
<br />
Da, zu entfliehn den Schmerzensbildern, flossen<br />
Die Wasser scheu zu engbegrenzter Stätte,<br />
Mir folgt’ als ob ein lieblich Los uns kette,<br />
Der Wald und stellt’ ums Ufer seine Sprossen.<br />
<br />
Sein grünster Frieden deckt mich mit dem Schilde;<br />
Der Schmerz doch geht ins kleinste Haus zu Gaste:<br />
Sieh dort das Nest an dürrem Zweige beben!<br />
<br />
Bewegung und erstarren, Tod und Leben,<br />
Die Weltgeschichte, spiegl’ ich in dem Aste<br />
Und sinn’ in meinen Tiefen nach dem Bilde.“<br />
<br />
<br />
<span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">Strom</span><br />
<br />
Das Bächlein lärmt, ein spielend Kind am Pfad;<br />
mit Lasten zieht der mächt’ge Strom indessen<br />
Unhörbar fast, geräuschlos und gemessen,<br />
Schweigsam dahin, ein Mann der Pflicht und Tat.<br />
<br />
Sein Wort: das Brausen ganz nicht zu vergessen,<br />
Mahnt ihn des Frachtschiffs Kiel, des Dampfers Rad;<br />
Doch lauter tobt der Werkfleiß am Gestad’,<br />
Des Marktes Ruf, Getös von Hämmern, Essen.<br />
<br />
Nur wenn das Tagwerk ruht, lautlos die Menge,<br />
Erhebt der Strom die Stimm’: ein heilig Rauschen!<br />
Durch schweigend Dunkel zieht’s wie Orgelklänge;<br />
<br />
Vernehmbar sei’s nur für die reinen Sterne<br />
Und für die ernste Nacht! – Doch ihm auch lauschen<br />
Mit Stern und Nacht schlaflose Träumer gerne.<br />
<br />
<br />
<span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">Meer</span><br />
<br />
Ein Frager fragt: Meer, deine Farbe nenne!<br />
Bald bist du grün, als ob die Lenze sprossen,<br />
Bald blau, als ob dich nichts vom Himmel trenne,<br />
bald rot, wie blutend von Apolls Geschossen;<br />
<br />
Nun grau, wie einer Wüste sand’ge Tenne,<br />
Nun braun, von finsterm Bußgewand umflossen,<br />
Goldhell, als ob dein Salz als Lava brenne,<br />
Milchweiß, wie Mähnenflug von weißen Rossen!<br />
<br />
Antwortet drauf das Meer: „O schlauer Frager,<br />
Du hast gezählt an mir die Farben alle<br />
Und wähntest doch, daß ich an Farben darbe!<br />
<br />
Die Erde frag’: in welchem Hain ihr Lager?<br />
Den Himmel frag’: mit welchem Stern er walle?<br />
Der Farbenreichtum nur ist meine Farbe.“<br />
<br />
<br />
.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">Wellenklänge</span><br />
<br />
<br />
<span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">Wildbach</span><br />
<br />
Reich ist das Meer! Gestirn’ und Sonne prägen<br />
Ihr Bild in sein Brokatgewand; ihm wallen<br />
Ins Becken, das voll Perlen und Korallen,<br />
Zinspflicht’ge Ströme, schüttend Goldessegen.<br />
<br />
Schmuckkästchen gleich die Silberflotten wägen,<br />
es leert, zerschlägt sie spielend nach Gefallen!<br />
Doch welche Botschaft macht so eilig wallen,<br />
Wildbächlein, dich aus armen Waldgehegen?<br />
<br />
„Reich ist das Meer, die Fürstin, die zum Feste<br />
Kostbar geschmückt mit Stoffen, Steinen, Ringen;<br />
Doch fehlt der Blumenstrauß ans Herz, das Beste!<br />
<br />
Das Meer sehnt sich nach fernem Waldesbildnis,<br />
Ich nahm es auf, ihm’s unentstellt zu bringen:<br />
Der Schönheit Macht ergänzt die arme Wildnis.“<br />
<br />
  <br />
<span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">Waldsee</span><br />
<br />
Da ruhst du, stiller See, im Waldesbette,<br />
engherzig, selbstisch, unserm Weh verschlossen! –<br />
„Weit übers Land war einst mein Born ergossen,<br />
Jed irdisch Leiden spiegelnd um die Wette.<br />
<br />
Da, zu entfliehn den Schmerzensbildern, flossen<br />
Die Wasser scheu zu engbegrenzter Stätte,<br />
Mir folgt’ als ob ein lieblich Los uns kette,<br />
Der Wald und stellt’ ums Ufer seine Sprossen.<br />
<br />
Sein grünster Frieden deckt mich mit dem Schilde;<br />
Der Schmerz doch geht ins kleinste Haus zu Gaste:<br />
Sieh dort das Nest an dürrem Zweige beben!<br />
<br />
Bewegung und erstarren, Tod und Leben,<br />
Die Weltgeschichte, spiegl’ ich in dem Aste<br />
Und sinn’ in meinen Tiefen nach dem Bilde.“<br />
<br />
<br />
<span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">Strom</span><br />
<br />
Das Bächlein lärmt, ein spielend Kind am Pfad;<br />
mit Lasten zieht der mächt’ge Strom indessen<br />
Unhörbar fast, geräuschlos und gemessen,<br />
Schweigsam dahin, ein Mann der Pflicht und Tat.<br />
<br />
Sein Wort: das Brausen ganz nicht zu vergessen,<br />
Mahnt ihn des Frachtschiffs Kiel, des Dampfers Rad;<br />
Doch lauter tobt der Werkfleiß am Gestad’,<br />
Des Marktes Ruf, Getös von Hämmern, Essen.<br />
<br />
Nur wenn das Tagwerk ruht, lautlos die Menge,<br />
Erhebt der Strom die Stimm’: ein heilig Rauschen!<br />
Durch schweigend Dunkel zieht’s wie Orgelklänge;<br />
<br />
Vernehmbar sei’s nur für die reinen Sterne<br />
Und für die ernste Nacht! – Doch ihm auch lauschen<br />
Mit Stern und Nacht schlaflose Träumer gerne.<br />
<br />
<br />
<span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">Meer</span><br />
<br />
Ein Frager fragt: Meer, deine Farbe nenne!<br />
Bald bist du grün, als ob die Lenze sprossen,<br />
Bald blau, als ob dich nichts vom Himmel trenne,<br />
bald rot, wie blutend von Apolls Geschossen;<br />
<br />
Nun grau, wie einer Wüste sand’ge Tenne,<br />
Nun braun, von finsterm Bußgewand umflossen,<br />
Goldhell, als ob dein Salz als Lava brenne,<br />
Milchweiß, wie Mähnenflug von weißen Rossen!<br />
<br />
Antwortet drauf das Meer: „O schlauer Frager,<br />
Du hast gezählt an mir die Farben alle<br />
Und wähntest doch, daß ich an Farben darbe!<br />
<br />
Die Erde frag’: in welchem Hain ihr Lager?<br />
Den Himmel frag’: mit welchem Stern er walle?<br />
Der Farbenreichtum nur ist meine Farbe.“<br />
<br />
<br />
.]]></content:encoded>
		</item>
		<item>
			<title><![CDATA[Römischer Wegweiser]]></title>
			<link>https://sonett.fontane-place.de/showthread.php?tid=26489</link>
			<pubDate>Thu, 14 Dec 2023 10:40:21 +0100</pubDate>
			<dc:creator><![CDATA[<a href="https://sonett.fontane-place.de/member.php?action=profile&uid=1">ZaunköniG</a>]]></dc:creator>
			<guid isPermaLink="false">https://sonett.fontane-place.de/showthread.php?tid=26489</guid>
			<description><![CDATA[<span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">Römischer Wegweiser</span><br />
<br />
<br />
Wenn, deutsche Herzen, deutsches Land zu spalten,<br />
Aufs neu die Blitze sprühn vom Vatikane,<br />
Seh ich im Geist als Vorbild, das ich mahne,<br />
Zwei deutsche Freunde, die durch Rom einst wallten.<br />
<br />
Getrennt, verspengt im Menschenozeane,<br />
Sucht irrend Freund den Freund – vergeblich Walten!<br />
Bis von Sankt Peter Glockenrufe hallten,<br />
Der Pontifex sich zeigt auf dem Altane.<br />
<br />
Er spendet Segen, schleudert Bannesstrahle,<br />
Aufs Knie sinkt alles Volk mit einem Male,<br />
Sich beugend vor dem Haupt tiar’umwunden;<br />
<br />
Wie Säulen blieben nur zwei Männer stehen,<br />
Die Freunde sind’s, sie haben sich ersehen<br />
Und, aufrecht stehend, wieder sich gefunden.<br />
<br />
<br />
.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">Römischer Wegweiser</span><br />
<br />
<br />
Wenn, deutsche Herzen, deutsches Land zu spalten,<br />
Aufs neu die Blitze sprühn vom Vatikane,<br />
Seh ich im Geist als Vorbild, das ich mahne,<br />
Zwei deutsche Freunde, die durch Rom einst wallten.<br />
<br />
Getrennt, verspengt im Menschenozeane,<br />
Sucht irrend Freund den Freund – vergeblich Walten!<br />
Bis von Sankt Peter Glockenrufe hallten,<br />
Der Pontifex sich zeigt auf dem Altane.<br />
<br />
Er spendet Segen, schleudert Bannesstrahle,<br />
Aufs Knie sinkt alles Volk mit einem Male,<br />
Sich beugend vor dem Haupt tiar’umwunden;<br />
<br />
Wie Säulen blieben nur zwei Männer stehen,<br />
Die Freunde sind’s, sie haben sich ersehen<br />
Und, aufrecht stehend, wieder sich gefunden.<br />
<br />
<br />
.]]></content:encoded>
		</item>
		<item>
			<title><![CDATA[Im Reichsrate (2)]]></title>
			<link>https://sonett.fontane-place.de/showthread.php?tid=26497</link>
			<pubDate>Mon, 11 Dec 2023 01:07:17 +0100</pubDate>
			<dc:creator><![CDATA[<a href="https://sonett.fontane-place.de/member.php?action=profile&uid=1">ZaunköniG</a>]]></dc:creator>
			<guid isPermaLink="false">https://sonett.fontane-place.de/showthread.php?tid=26497</guid>
			<description><![CDATA[<span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">Im Reichsrate</span><br />
<br />
<br />
<span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">I.</span><br />
<br />
„Poet, geschmiedet an die Staatsgaleere<br />
Auf Lebenszeit, wo bleibt dein helles Singen?<br />
Wenn mühsam nur die Ruder vorwärts dringen,<br />
Sprich, wird zur Strafe nicht dir solche Ehre?“ –<br />
<br />
Mir ist, als ob ich einst auf Adlerschwingen<br />
Im Nu zu Alpenhöhn geflogen wäre;<br />
Jetzt muß ich, keuchend unter Lastenschwere,<br />
In Stein die Stufen brechend, aufwärts ringen!<br />
<br />
Als Bergmann in die Tiefen einst gestiegen,<br />
zu Hausrat jetzt und Paragraphendrähten<br />
Muß des Gedankenschachtes Erz ich biegen!<br />
<br />
Mein Tagwerk üb’ ich treu, doch muß ich beten:<br />
Daß jene Schwinge mir nicht ganz entsinke,<br />
Des alten Grubenlichts ein Strahl mir blinke!<br />
<br />
<br />
<span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">II.</span><br />
<br />
Und doch, und doch! – was liegt an deinem Liede,<br />
Wenn rüst’gen Tagwerks Hammerschläge fallen,<br />
Die edle Form zu schaffen vielen, allen,<br />
Drin Männerwürde lebt und innrer Friede?!<br />
<br />
Nicht Hausrat bloß, auch Waffen zum Entschiede,<br />
Auch Schild und Schwert entflammen den Metallen,<br />
Daß sie die Hütten schirmen, wie die Hallen,<br />
Ihr Gut und Recht; - drum hämmre fort und schmiede!<br />
<br />
Wohnt in den Tälern einst das Glück beim Volke,<br />
Dann zieht die Sehnsucht euch nicht mehr zur Wolke,<br />
Dann missest gern auch du die Adlerschwinge;<br />
<br />
Und euer Werk verklärt zum Ehrenmale,<br />
Statt deines Grubenlichts, mit vollerm Strahle<br />
Die Weltensonne! – O daß es gelinge!<br />
<br />
<br />
.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">Im Reichsrate</span><br />
<br />
<br />
<span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">I.</span><br />
<br />
„Poet, geschmiedet an die Staatsgaleere<br />
Auf Lebenszeit, wo bleibt dein helles Singen?<br />
Wenn mühsam nur die Ruder vorwärts dringen,<br />
Sprich, wird zur Strafe nicht dir solche Ehre?“ –<br />
<br />
Mir ist, als ob ich einst auf Adlerschwingen<br />
Im Nu zu Alpenhöhn geflogen wäre;<br />
Jetzt muß ich, keuchend unter Lastenschwere,<br />
In Stein die Stufen brechend, aufwärts ringen!<br />
<br />
Als Bergmann in die Tiefen einst gestiegen,<br />
zu Hausrat jetzt und Paragraphendrähten<br />
Muß des Gedankenschachtes Erz ich biegen!<br />
<br />
Mein Tagwerk üb’ ich treu, doch muß ich beten:<br />
Daß jene Schwinge mir nicht ganz entsinke,<br />
Des alten Grubenlichts ein Strahl mir blinke!<br />
<br />
<br />
<span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">II.</span><br />
<br />
Und doch, und doch! – was liegt an deinem Liede,<br />
Wenn rüst’gen Tagwerks Hammerschläge fallen,<br />
Die edle Form zu schaffen vielen, allen,<br />
Drin Männerwürde lebt und innrer Friede?!<br />
<br />
Nicht Hausrat bloß, auch Waffen zum Entschiede,<br />
Auch Schild und Schwert entflammen den Metallen,<br />
Daß sie die Hütten schirmen, wie die Hallen,<br />
Ihr Gut und Recht; - drum hämmre fort und schmiede!<br />
<br />
Wohnt in den Tälern einst das Glück beim Volke,<br />
Dann zieht die Sehnsucht euch nicht mehr zur Wolke,<br />
Dann missest gern auch du die Adlerschwinge;<br />
<br />
Und euer Werk verklärt zum Ehrenmale,<br />
Statt deines Grubenlichts, mit vollerm Strahle<br />
Die Weltensonne! – O daß es gelinge!<br />
<br />
<br />
.]]></content:encoded>
		</item>
		<item>
			<title><![CDATA[Zeitklänge (3)]]></title>
			<link>https://sonett.fontane-place.de/showthread.php?tid=26498</link>
			<pubDate>Tue, 05 Dec 2023 09:09:11 +0100</pubDate>
			<dc:creator><![CDATA[<a href="https://sonett.fontane-place.de/member.php?action=profile&uid=1">ZaunköniG</a>]]></dc:creator>
			<guid isPermaLink="false">https://sonett.fontane-place.de/showthread.php?tid=26498</guid>
			<description><![CDATA[<span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">Zeitklänge</span><br />
Im Sommer 1870<br />
<br />
<span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">I.</span><br />
<br />
Hoch auf dem Eisendraht am Schienengleise<br />
Ein Vöglein sitzt. Wohin den Blick es wende,<br />
Krönt Gottessegen reich den Fleiß der Hände;<br />
Und heller, freud’ger trillert’s seine Weise.<br />
<br />
Da wogt die Saat in grünem Wälderkreise,<br />
Dort trägt der Rhein zum Meer die edle Spende,<br />
Hier fließt das duft’ge Gold vom Rebgelände;<br />
Wohl klingt sein Lied solch sonn’gen Gau’n zum Preise.<br />
<br />
Das Vöglein ahnt nicht, daß zu seinen Füßen<br />
Im Draht, unhörbar, Unheilsworte rauschen,<br />
Die bald empor als Sturmgewölk hier steigen;<br />
<br />
Nicht wäre sonst sein Lied solch jubelnd Grüßen!<br />
Denn, könnt’ es jenen Sturmesboten lauschen,<br />
Sein Haupt in Trauer müßt’ es schweigend neigen.<br />
<br />
<br />
<span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">II.</span><br />
<br />
Du hörst nicht, wie’s im Wort schon vorgewittert,<br />
O Sänger auf dem Telegraphendrahte,<br />
Wie mit der Untat prunkt der Diplomate,<br />
Das Vätererb’ um neuen Raub versplittert;<br />
<br />
Wie schnöde Ländergier, die Beute wiitert,<br />
Sich sonnt im Treubruch, mästet im Verrate,<br />
Wie Schelmenrat mitstimmt im Fürstenrate,<br />
Vor Unrecht nicht, vor größerm Schelm nur zittert;<br />
<br />
Wie jener ruft: „Du lügst, bei meinem Eide!“<br />
Und dieser drauf: „Du Lügner selbst!“ entgegnet,<br />
Doch jetzt zuerst die Wahrheit sprechen beide.<br />
<br />
O Sänger, wie ich fast dein Lied dir neide,<br />
Das fromm sich wiegt im Äther gottgesegnet,<br />
Nichts ahnend von so ungeheurem Leide!<br />
<br />
<br />
<span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">III.</span><br />
<br />
Doch nein, o nein! – Wie arg das Leid auch wäre,<br />
Ob um die Wipfel Nebeldünste jagen,<br />
Die Sumpflust auf den Höhn soll nicht verklagen<br />
Das Tal und seines Stromes Wellenkläre.<br />
<br />
Im Tal, bei schlichtem Volke, will ich fragen<br />
Nach Rettern, nach den Rächern deutscher Ehre:<br />
Ha, wie Ein Wetterstrahl flammt alle Wehre,<br />
Und Eines Sinns die herzen alle schlagen!<br />
<br />
Wo solcher Zorn auf Männerstirnen lodert,<br />
Solch edler Trutz das Recht, sein Recht nur, fordert,<br />
Verzage, hüben, drüben, der Bedränger!<br />
<br />
Wer dieses Volkes Ringen und Vollbringen<br />
Einst jubelnd darf den freien Enkeln singen,<br />
Sei mir begrüßt als glücklichster der Sänger.<br />
<br />
<br />
.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">Zeitklänge</span><br />
Im Sommer 1870<br />
<br />
<span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">I.</span><br />
<br />
Hoch auf dem Eisendraht am Schienengleise<br />
Ein Vöglein sitzt. Wohin den Blick es wende,<br />
Krönt Gottessegen reich den Fleiß der Hände;<br />
Und heller, freud’ger trillert’s seine Weise.<br />
<br />
Da wogt die Saat in grünem Wälderkreise,<br />
Dort trägt der Rhein zum Meer die edle Spende,<br />
Hier fließt das duft’ge Gold vom Rebgelände;<br />
Wohl klingt sein Lied solch sonn’gen Gau’n zum Preise.<br />
<br />
Das Vöglein ahnt nicht, daß zu seinen Füßen<br />
Im Draht, unhörbar, Unheilsworte rauschen,<br />
Die bald empor als Sturmgewölk hier steigen;<br />
<br />
Nicht wäre sonst sein Lied solch jubelnd Grüßen!<br />
Denn, könnt’ es jenen Sturmesboten lauschen,<br />
Sein Haupt in Trauer müßt’ es schweigend neigen.<br />
<br />
<br />
<span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">II.</span><br />
<br />
Du hörst nicht, wie’s im Wort schon vorgewittert,<br />
O Sänger auf dem Telegraphendrahte,<br />
Wie mit der Untat prunkt der Diplomate,<br />
Das Vätererb’ um neuen Raub versplittert;<br />
<br />
Wie schnöde Ländergier, die Beute wiitert,<br />
Sich sonnt im Treubruch, mästet im Verrate,<br />
Wie Schelmenrat mitstimmt im Fürstenrate,<br />
Vor Unrecht nicht, vor größerm Schelm nur zittert;<br />
<br />
Wie jener ruft: „Du lügst, bei meinem Eide!“<br />
Und dieser drauf: „Du Lügner selbst!“ entgegnet,<br />
Doch jetzt zuerst die Wahrheit sprechen beide.<br />
<br />
O Sänger, wie ich fast dein Lied dir neide,<br />
Das fromm sich wiegt im Äther gottgesegnet,<br />
Nichts ahnend von so ungeheurem Leide!<br />
<br />
<br />
<span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">III.</span><br />
<br />
Doch nein, o nein! – Wie arg das Leid auch wäre,<br />
Ob um die Wipfel Nebeldünste jagen,<br />
Die Sumpflust auf den Höhn soll nicht verklagen<br />
Das Tal und seines Stromes Wellenkläre.<br />
<br />
Im Tal, bei schlichtem Volke, will ich fragen<br />
Nach Rettern, nach den Rächern deutscher Ehre:<br />
Ha, wie Ein Wetterstrahl flammt alle Wehre,<br />
Und Eines Sinns die herzen alle schlagen!<br />
<br />
Wo solcher Zorn auf Männerstirnen lodert,<br />
Solch edler Trutz das Recht, sein Recht nur, fordert,<br />
Verzage, hüben, drüben, der Bedränger!<br />
<br />
Wer dieses Volkes Ringen und Vollbringen<br />
Einst jubelnd darf den freien Enkeln singen,<br />
Sei mir begrüßt als glücklichster der Sänger.<br />
<br />
<br />
.]]></content:encoded>
		</item>
		<item>
			<title><![CDATA[Der erste Zeichner (2)]]></title>
			<link>https://sonett.fontane-place.de/showthread.php?tid=26493</link>
			<pubDate>Sat, 02 Dec 2023 08:51:05 +0100</pubDate>
			<dc:creator><![CDATA[<a href="https://sonett.fontane-place.de/member.php?action=profile&uid=1">ZaunköniG</a>]]></dc:creator>
			<guid isPermaLink="false">https://sonett.fontane-place.de/showthread.php?tid=26493</guid>
			<description><![CDATA[<span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">Der erste Zeichner</span><br />
<br />
<span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">I.</span><br />
<br />
Zwei Hirtenkinder, Knab’ und Mädchen, spielen<br />
Am Felsen bei erloschner Feuerstelle,<br />
Die glatte Steinwand zeigt in Sonnenhelle<br />
Die Schatten von zwei kindlichen Profilen.<br />
<br />
Der Shwester Anmut fesselt den Gespielen<br />
Im Dunkelbilde selbst. Daß es zu schnelle<br />
Nicht fliehe mit des Lichtes flücht’ger Welle<br />
Erkürt er sich der Kohlen Rest zu Kielen.<br />
<br />
Mit schwarzem Stift verfolgt er die Konturen,<br />
Die auf der Wand zur holdsten Form sich schlingen,<br />
Und schmückt mit Lieblichkeit die Felsenwildnis.<br />
<br />
Aus rauhem Steine, dunklen Kohlenspuren<br />
Und düstern Schatten, - traun, unschönen Dingen! –<br />
Erstand durch Kindeshand der Schönheit Bildnis.<br />
 <br />
<br />
<span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">II.</span><br />
<br />
Von dieses Kindes rstem Künstlerlallen<br />
Bis zu den Harmonien, die von den Schwingen<br />
Des seraphs Raphael in Wonne klingen,<br />
Welch unermeßner Flug, welch Steigen, Fallen!<br />
<br />
Von diesem Fels bis zu den Bilderhallen<br />
Des Vatikans, zu Pittis Wunderdingen,<br />
Durch Dorn und Lorbeer welch ein Mühn und Ringen!<br />
Welch weite Bahnen muß die Kunst durchwallen!<br />
 <br />
Ob sie an Arno siedle oder Elbe,<br />
In Farben dichte, oder mal’ in Tönen,<br />
Ihr Geist bleibt einer doch, ihr Ziel dasselbe:<br />
<br />
Rauheit zu sänf’gen, Schatten zu versöhnen,<br />
In holdem Bann die Schonheit festzuhalten,<br />
Ihr Sterbliches zu Ew’gem zu gestalten.<br />
<br />
 <br />
.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">Der erste Zeichner</span><br />
<br />
<span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">I.</span><br />
<br />
Zwei Hirtenkinder, Knab’ und Mädchen, spielen<br />
Am Felsen bei erloschner Feuerstelle,<br />
Die glatte Steinwand zeigt in Sonnenhelle<br />
Die Schatten von zwei kindlichen Profilen.<br />
<br />
Der Shwester Anmut fesselt den Gespielen<br />
Im Dunkelbilde selbst. Daß es zu schnelle<br />
Nicht fliehe mit des Lichtes flücht’ger Welle<br />
Erkürt er sich der Kohlen Rest zu Kielen.<br />
<br />
Mit schwarzem Stift verfolgt er die Konturen,<br />
Die auf der Wand zur holdsten Form sich schlingen,<br />
Und schmückt mit Lieblichkeit die Felsenwildnis.<br />
<br />
Aus rauhem Steine, dunklen Kohlenspuren<br />
Und düstern Schatten, - traun, unschönen Dingen! –<br />
Erstand durch Kindeshand der Schönheit Bildnis.<br />
 <br />
<br />
<span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">II.</span><br />
<br />
Von dieses Kindes rstem Künstlerlallen<br />
Bis zu den Harmonien, die von den Schwingen<br />
Des seraphs Raphael in Wonne klingen,<br />
Welch unermeßner Flug, welch Steigen, Fallen!<br />
<br />
Von diesem Fels bis zu den Bilderhallen<br />
Des Vatikans, zu Pittis Wunderdingen,<br />
Durch Dorn und Lorbeer welch ein Mühn und Ringen!<br />
Welch weite Bahnen muß die Kunst durchwallen!<br />
 <br />
Ob sie an Arno siedle oder Elbe,<br />
In Farben dichte, oder mal’ in Tönen,<br />
Ihr Geist bleibt einer doch, ihr Ziel dasselbe:<br />
<br />
Rauheit zu sänf’gen, Schatten zu versöhnen,<br />
In holdem Bann die Schonheit festzuhalten,<br />
Ihr Sterbliches zu Ew’gem zu gestalten.<br />
<br />
 <br />
.]]></content:encoded>
		</item>
		<item>
			<title><![CDATA[Aus Helgoland (18)]]></title>
			<link>https://sonett.fontane-place.de/showthread.php?tid=26488</link>
			<pubDate>Wed, 29 Nov 2023 09:21:42 +0100</pubDate>
			<dc:creator><![CDATA[<a href="https://sonett.fontane-place.de/member.php?action=profile&uid=1">ZaunköniG</a>]]></dc:creator>
			<guid isPermaLink="false">https://sonett.fontane-place.de/showthread.php?tid=26488</guid>
			<description><![CDATA[<span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">Aus Helgoland</span><br />
<br />
<span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">I.</span><br />
<br />
Ein stilles Eiland in entlegnen Meeren,<br />
Ein Hort der Einsamkeit, den Störer mieden,<br />
Der liebste Traum der Herzen ist’s, die Frieden<br />
Und tiefste Abgeschiedenheit begehren.<br />
<br />
Ein Schiff, hinsteuernd in die schicksalschweren,<br />
Verhüllten Reiche der Okeaniden,<br />
Das lockenste der Bilder ist’s hienieden<br />
Für Herzen, die im Drang zur Ferne gären.<br />
<br />
Kein Zauber doch ist deinem gleich von allen,<br />
Umflorter Sarg! Im Banne deiner Truhe<br />
Vereint das Bleiben sich und Weiterwallen;<br />
<br />
Du bist das Wanderschiff durch wilde Brandung,<br />
Du bist das stille Inselland der Ruhe,<br />
Bist Rast und Reise, Fahrt zugleich und Landung.<br />
<br />
<br />
<span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">II.</span><br />
<br />
Ein reizvoll’ Eiland lieblichster Umschränkung<br />
Dünkt das Sonett mir in der Dichtung Meere,<br />
Ein kunstreich’ Schiff, in dessen enger Fähre<br />
Den Weltenreichtum führt maßvolle Lenkung.<br />
<br />
Ein Sarg auch ist’s, des tiefere Versenkung<br />
Zur Ganzheit ein geschloss’nes Sein verkläre;<br />
Der Bau der Bretter selbst und Brettchen kehre<br />
In das Sonett als sinn’ge Reimverschränkung.<br />
<br />
Im Maß die Macht, Gewähren im Entbehren,<br />
Das ist sein Zauber, das ist auch der deine,<br />
Du roter Fels, selbst ein Sonett von Steine!<br />
<br />
So will dein eigner Spiegel dich verklären,<br />
Dein Abbild wird zum Kranze deiner Ehren,<br />
Dir blühend aus dem eignen Widerscheine.<br />
<br />
<br />
<span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">III.</span><br />
<br />
Alt Heiligland, sieh, welch unheilig Hasten,<br />
Die große Meeresstraß’ entlang welch Jagen!<br />
An dir vorbei in hohen Wogen schlagen<br />
Des Lebens tolle Wirbel, die nicht rasten.<br />
<br />
Da steuern hin, die liebten und die haßten,<br />
Da segeln, die gewonnen, die noch wagen,<br />
Der Tor, der Weise, Hoffnung und Entsagen<br />
Und des Verbrechens Last mit andern Lasten.<br />
<br />
Doch du blickst ernst und streng ins Weltgetriebe<br />
Voll Ruh, fast priesterhaft, und wahrst beflissen<br />
Dein Rettungsboot und deines Leuchtturms Flamme;<br />
<br />
So übst du still ein Prieseramt der Liebe,<br />
Bringst Hilf’ in Nöten, Licht in Finsternissen,<br />
Ein heilig Land nicht bloß dem Friesenstamme.<br />
<br />
<br />
<span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">IV.</span><br />
<br />
Wer dieses Eilands Herr? Kein Mal gibt Kunde,<br />
Kein Pfahl in Landesfarben ist zu schauen,<br />
Kein Schilderhaus, kein Wappen steingehauen,<br />
Kein Mörser, der es spräch’ aus eh’rnem Schlunde.<br />
<br />
Nur Sonntags, mit dem Glockenklang im Bunde,<br />
Aufsteigt die stolze Britenflagg’ im Blauen;<br />
Hier bin ich! mahnt sie landwärts deutsche Gauen,<br />
Doch Schmerz und Scham nur grüßt aus deutschem Munde.<br />
<br />
Mir soll’s die kurze Sonntagslust nicht kränken,<br />
Zu freun mich solcher Macht und Kraft und Ehre<br />
Auch fremden Volks, als ob’s das eigne wäre!<br />
<br />
Der Abend wird die Flagge wieder senken;<br />
Dann gibt’s sechs Tage schmerzlich zu bedenken:<br />
Warum’s so kam? und wie’s zum Bessern kehre?<br />
<br />
<br />
<span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">V.</span><br />
<br />
O stillen Fleißes rührend schöner Reigen,<br />
Wenn zarte Frauen hier mit schweren Lasten<br />
Hinan, hinab die Inseltreppe hasten,<br />
Wie ab und auf am Bronn die Eimer steigen!<br />
<br />
Der Hochsinn ging in Dienstbarkeit sich neigen,<br />
Tatkraft und Schwäche sich so hold umfaßten,<br />
Herkulisch Tagwerk übend ohne Rasten<br />
Und magdlich fromm es bergend tief in Schweigen.<br />
<br />
Sinnvoll, ihr Frauen, sprecht ihr’s aus im Kleide:<br />
des Hauptes schwarze Hülle sagt von Leide,<br />
Das euch in Dunkelheit die Tage spinnen;<br />
<br />
Doch fürstlich schwebt der Fuß hinan die Treppe<br />
Im schönverbrämten Rot der Purpurschleppe:<br />
Demüt’ge Mägde, hohe Königinnen!<br />
<br />
<br />
<span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">VI.</span><br />
<br />
Der Geiger fiedle und der Pfeifer blase,<br />
zum Hochlandsreihn euch Mägdlein aufzufrischen,<br />
Daß die Gestalten sich, hinschwebend, mischen,<br />
Wie Gold- und Silberfischlein in dem Glase!<br />
<br />
Gleicht ihr nicht selbst den Fischlein in der Base?<br />
So was vom Nixenhaften, Meeresfrischen,<br />
Ein Zug der Sippe läßt sich nicht verwischen;<br />
Die Meerfei, traun, ist eure holde base.<br />
<br />
Mir sei’s kein Wunder, wenn die Budenwände<br />
Mit einem Schlag als blanke Wogen steigen!<br />
Die Spielleut’ stört es nicht und nicht den Reigen:<br />
<br />
Auf Muscheln blasen sie das Stück zu Ende,<br />
Ihr tanzt zu End’ im Meerschloß von Kristallen<br />
Und geht dann ruhn zum Lusthain der Korallen.<br />
<br />
<br />
<span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">VII.</span><br />
<br />
Der Lotse lehnt am Fall’m mit seiner Sippe,<br />
Im Teergewand, nicht regend Arm’ und Beine,<br />
So fahl und starr wie Stein von diesem Steine,<br />
Nur wachen blicks, doch redescheuer Lippe.<br />
<br />
So liegt der Robbe wohl auf fahler Klippe<br />
Mit klugen Äuglein träg im Sonnenscheine,<br />
Lautlos und unbeweglich, daß man meine,<br />
Er sei ein Stück nur dieser Felsenrippe.<br />
<br />
Da rauscht der Sturm und löst ihn aus dem Banne!<br />
Vielleicht entzaubernd – wie in alten Mären<br />
Ein Held, ein Prinz ersteht aus Wolf und Bären –<br />
<br />
Verwandelt Hilferuf auch ihn zum Manne,<br />
Zum Lotsen, der da steure durch die Wetter,<br />
Dem Volk in Todesnot von Gott ein Retter.<br />
<br />
<br />
<span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">VIII.</span><br />
<br />
Nun auf dem Meer die Regenschauer lasten,<br />
Was sucht dein Lotsenaug’ im Dunstgebrause?<br />
„Notflaggen, die mich rufen, morsche Taue,<br />
verlorne Anker und bedrohte Masten!“<br />
<br />
Wie kann dein altes Aug’ durch Nebel tasten,<br />
Wo sich mein jüngres senkt am wirren Graue?<br />
„Das kommt, weil ich in See mein Lebtag schaue<br />
Und Eures auf Papier nur pflegt zu rasten.“<br />
<br />
Ein Meer ist auch das weiße Blatt nicht minder,<br />
Hat reiche Frachter, kühne Weltenfinder,<br />
Manch treuen Lotsen, der zur Ferne schaue,<br />
<br />
Hat Wolken auch, die um die Sterne lasten;<br />
Mein Auge sieht, wie deins, gefällte Masten,<br />
Zerbrochne Anker und zerrißne Taue.<br />
<br />
<br />
<span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">IX.</span><br />
<br />
Zum Fall’m vo Lotsen in die ernteeichen<br />
Meerfluren kühn und hoffnungsfreudig spähen,<br />
Auf Grabbesuch sieht man die Witwe gehen,<br />
Ihr trägt das Meer nur eines Friedhofs Zeichen:<br />
<br />
Die weißen Segel Sterbelinnen gleichen<br />
Und Mast’ und Rah’n als Gräberkreuze stehen,<br />
Die Wellen sich zu Totenhügeln blähen,<br />
Ihr bergend tief die teuerste der Leichen. –<br />
<br />
Ihr Lustgang doch führt an des Kirchhofs Schwellen;<br />
Dort im Gewoge grüner Rasenwellen<br />
Ein reiches Meer sieht ihre Sehnsucht wallen;<br />
<br />
Sie grüßt die schwarzen Boote, die’s befahren<br />
Hinsteuernd mit den stillen Wanderscharen,<br />
Und ihre Hoffnung läßt die Anker fallen.<br />
<br />
<br />
<span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">X. – Dem Marinemaler und Ornithologen F. G.</span><br />
<br />
Mann mit dem schwarzen Bart und schwarzen Haar,<br />
Hinschreitend durch der Gäste bunte Reihn,<br />
Du scheinst von Art der Zaubrer mir zu sein,<br />
Die schwarze Blus’ ein magischer Talar;<br />
<br />
Was auf dem Eiland immer flüchtig war,<br />
Du bannst es fest mit deinen Zauberei’n:<br />
Die flücht’gen Vögel ausgebälgt im Schrein,<br />
Auf Leinewand der Wellen flücht’ge Schar.<br />
<br />
Doch solch bezaubert Vöglein bist auch du!<br />
Vor jenem Schranke stehend fühlst du’s klar:<br />
Kein Zaubrer, der nicht seinen Meister sind’!<br />
<br />
Ein Fremdling flogst du dieser Insel zu,<br />
Da hielt dich fest mit holdem Augenpaar<br />
Des Zaubereilands lieblich Feenkind.<br />
<br />
<br />
<span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">XI.</span><br />
<br />
Im Predgergarten prunkt ein grün Geschmeide,<br />
Der Maulbeerbaum, mit so laubvoller Krone,<br />
Wie keiner seiner Art in Südens Zone;<br />
Der Nord erließ ihm den Tribut von Seide.<br />
<br />
Hier praßt der Flüchtling dem Geschick zum Hohne,<br />
Kein Seidenwurm wählt seinen Schmuck zur Weide,<br />
Kein Messer droht, das Laub und Ast verschneide,<br />
Im Reich der Bäume doch ist er die Drohne.<br />
<br />
Dem Baum im Süd riß man den Kranz vom Haupte,<br />
Doch reicher, stolzer ragt mir der Entlaubte,<br />
Ob sein Gezweig’ auch kahl zum Himmel starre;<br />
<br />
Er schattet fort im Baldachin der Throne,<br />
Er wipfelt noch im Flug der Luftballone,<br />
Er rauscht im Band der tönenden Gitarre.<br />
<br />
<br />
<span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">XII.</span><br />
<br />
Zugvögel sanglos diese Lüfte teilen,<br />
Kein Sprosser flötet’s hier durch laub’ge Äste,<br />
Kein Hänfling zwitschert’s hier aus sichrem Neste,<br />
Das fromme Siedlerlied: „Da ist gut weilen!“<br />
<br />
Wir ziehen! tönt’s im Chor der flücht’gen Gäste,<br />
Die Wellen rauschen’s, die den Strand zerfeilen,<br />
Die Wolken dröhnens rollend hin: wir eilen!<br />
Wir fliehen! braust’s im Ostwind und im Weste.<br />
<br />
Leis in den Nebeln säuselt’s: wir zerrinnen!<br />
zerrißne Segel flattern: wir entwallen!<br />
Die Möwe kreischt im hast’gen Flug: von hinnen!<br />
<br />
Verwitternd springt der Stein vom Rand: wir wandern!<br />
Vom alten Felsen klingt es: wir zerfallen!<br />
Er singt es wohl sich selber und uns andern.<br />
<br />
<br />
<span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">XIII.</span><br />
<br />
Vom Felsen rieseln rote Steinchen leise,<br />
Als rinne Blut vom Eiland in die Fluten;<br />
Es stirbt langsamen Tod, wie jener Weise,<br />
Im Bad aus offnen Adern zu verbluten.<br />
<br />
Doch grausam träg ist der Zerstörung Reise,<br />
Kein rascher Untergang in Sturm und Gluten!<br />
Ein Sturz, der einst kein Wellchen regt im Kreise –<br />
Wie herbes Menschenlos will mich’s gemuten:<br />
<br />
Wenn langsam niederrieselt ins Vergessen<br />
Das Dauernste, was unser Herz besessen,<br />
Wenn unser bestes Stück um Stück verwittert!<br />
<br />
Wir müssen erst die bittre Quelle trinken<br />
Der herben Flut, eh wir in sie versinken –<br />
Wir sinken ein, und keine Welle zittert.<br />
<br />
<br />
<span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">XIV.</span><br />
<br />
Du hältst dich gut im Kampf, o Inselfeste,<br />
Mit Wog’ und Wind, mit Schmugglern und Korsaren;<br />
Doch schlimmer sind die schmeichelnden Gefahren,<br />
Drum fürcht’ auch Rosenblätter, laue Weste!<br />
<br />
Jetzt landen hier, Parfüm in Wort und Haaren,<br />
Mit seidnem Kleid und Sinn, die schlimmern Gäste;<br />
Wegspült das Meer vielleicht ihr Leibgebreste,<br />
Doch nicht, woran die Seele krankt den Scharen.<br />
<br />
Der alte Feind nagt an dem Felsenneste,<br />
Der neue Freund an deiner alten Sitte,<br />
Doch Fels und Sitte ruhn in festem Kitte;<br />
<br />
So wahrst du noch von beiden heil’ge Reste,<br />
Doch Stück um Stück zerbröckeln sie, und leise<br />
Ins Meer auch sinkt der Väter schlichte Weise.<br />
<br />
<br />
<span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">XV.</span><br />
<br />
Die Insel birgt ihr Haupt in Dämmernissen, -<br />
Der Sterbeschleier ist’s der Todgeweihten,<br />
Den um ihr Antlitz Nebelflöre breiten;<br />
Das Opfer will im Opferkleid sich wissen.<br />
<br />
Drum mag den Sonnengott sie gerne missen,<br />
Er lächelt ihr kaum im Vorüberschreiten,<br />
Wenn Ost, der Wolkenspalter, ihr zuzeiten<br />
Vom Haupt den Schleier frevelnd weggerissen.<br />
<br />
Die milde Nacht doch kommt, ihn neu zu spinnen,<br />
Sie wirft ihr flatternd Mondlicht auf die Welle<br />
In blankem Streif als weißes Totenlinnen,<br />
<br />
Verhängt mit schwarzem Tuch des Himmels Zinnen<br />
Und zündet Stern an Stern zur Lichterhelle<br />
Als Trauerkerzen einer Sterbkapelle.<br />
<br />
<br />
<span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">Nachklänge <br />
<br />
I.</span><br />
<br />
Öd ist dies Eiland, baumlos, windversengt,<br />
Die starre Burg und Warte der Orkane;<br />
Bleifarbig um die morschen Zinnen hängt<br />
Das Nordgewölk wie eine graue Fahne.<br />
<br />
Lenzschwalbe flieht, aus ihrem Nest verdrängt,<br />
Der tolle Bube Sturm warf’s vom Altane,<br />
Er brach die jungen Wipfel und versprengt’<br />
Zerpflückte Blumen überm Ozeane.<br />
<br />
Wild ist dies Meer, unwirtbar, unbezwinglich,<br />
Schiffsrümpfe schwanken auf dem unruhvollen,<br />
Mastlos uns schwarz, gleich fortgeschwemmten Särgen;<br />
<br />
Es rauscht empor, wie Wände undurchdringlich,<br />
Als dunkler Vorhang muß die Woge rollen,<br />
Der Tiefen Grauenvollstes zu verbergen.<br />
<br />
<br />
<span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">II.</span><br />
<br />
Doch wenn einmal verbraust des Sturmes Schwinge<br />
Und Ruh’, so tiefe seltne Ruh’ im Alle,<br />
Daß störend dir der eigne Atem walle,<br />
Und daß dir bang vor jedem Schmetterlinge;<br />
<br />
Wenn klar und rein und glatt im weiten Ringe<br />
Das Meer, wie eine Scheibe von Kristalle,<br />
Daß du am Grunde zählst die Steinlein alle,<br />
Dann steig ins Boot, seewärts dein Ruder schwinge!<br />
<br />
Die Sage führt dich an die heil’ge Stelle<br />
Im Meer weit draußen; dort zur Tiefe schaue!<br />
Du siehst, o Wunder, Wald und grüne Wiese,<br />
<br />
Siehst fruchtbeladne Bäume, Blütenbälle,<br />
Und Palmen fächelnd über goldner Aue,<br />
Ein wonnig Stück versunkner Paradiese.<br />
<br />
<br />
<span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">III.</span><br />
<br />
Ob dir die Brust unstet und stürmisch schwelle,<br />
Gleich jenem Meer im rauhen Nordensunde,<br />
Wohl kommt dir einst solch seltne gute Stunde,<br />
Wohl blüht auch dir noch jene heil’ge Stelle.<br />
<br />
Verbrausen laß der Leidenschaften Welle,<br />
Was sie verdeckt, wird dir zu neuem Funde;<br />
Ein mild Vergessen schließe deine Wunde,<br />
Die Liebe dein Umwölktes dir erhelle.<br />
<br />
Und still in dir, so still und klar soll’s werden,<br />
Daß bis zum Grund der Seele du kannst sehen,<br />
Dann senke dich in deiner Brust Verließe!<br />
<br />
Es ist kein Herz so krank und arm auf Erden,<br />
Dem dort nicht Palmen noch des Friedens stehen<br />
Und Stücke blühn versunkner Paradiese.<br />
<br />
<br />
<br />
.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">Aus Helgoland</span><br />
<br />
<span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">I.</span><br />
<br />
Ein stilles Eiland in entlegnen Meeren,<br />
Ein Hort der Einsamkeit, den Störer mieden,<br />
Der liebste Traum der Herzen ist’s, die Frieden<br />
Und tiefste Abgeschiedenheit begehren.<br />
<br />
Ein Schiff, hinsteuernd in die schicksalschweren,<br />
Verhüllten Reiche der Okeaniden,<br />
Das lockenste der Bilder ist’s hienieden<br />
Für Herzen, die im Drang zur Ferne gären.<br />
<br />
Kein Zauber doch ist deinem gleich von allen,<br />
Umflorter Sarg! Im Banne deiner Truhe<br />
Vereint das Bleiben sich und Weiterwallen;<br />
<br />
Du bist das Wanderschiff durch wilde Brandung,<br />
Du bist das stille Inselland der Ruhe,<br />
Bist Rast und Reise, Fahrt zugleich und Landung.<br />
<br />
<br />
<span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">II.</span><br />
<br />
Ein reizvoll’ Eiland lieblichster Umschränkung<br />
Dünkt das Sonett mir in der Dichtung Meere,<br />
Ein kunstreich’ Schiff, in dessen enger Fähre<br />
Den Weltenreichtum führt maßvolle Lenkung.<br />
<br />
Ein Sarg auch ist’s, des tiefere Versenkung<br />
Zur Ganzheit ein geschloss’nes Sein verkläre;<br />
Der Bau der Bretter selbst und Brettchen kehre<br />
In das Sonett als sinn’ge Reimverschränkung.<br />
<br />
Im Maß die Macht, Gewähren im Entbehren,<br />
Das ist sein Zauber, das ist auch der deine,<br />
Du roter Fels, selbst ein Sonett von Steine!<br />
<br />
So will dein eigner Spiegel dich verklären,<br />
Dein Abbild wird zum Kranze deiner Ehren,<br />
Dir blühend aus dem eignen Widerscheine.<br />
<br />
<br />
<span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">III.</span><br />
<br />
Alt Heiligland, sieh, welch unheilig Hasten,<br />
Die große Meeresstraß’ entlang welch Jagen!<br />
An dir vorbei in hohen Wogen schlagen<br />
Des Lebens tolle Wirbel, die nicht rasten.<br />
<br />
Da steuern hin, die liebten und die haßten,<br />
Da segeln, die gewonnen, die noch wagen,<br />
Der Tor, der Weise, Hoffnung und Entsagen<br />
Und des Verbrechens Last mit andern Lasten.<br />
<br />
Doch du blickst ernst und streng ins Weltgetriebe<br />
Voll Ruh, fast priesterhaft, und wahrst beflissen<br />
Dein Rettungsboot und deines Leuchtturms Flamme;<br />
<br />
So übst du still ein Prieseramt der Liebe,<br />
Bringst Hilf’ in Nöten, Licht in Finsternissen,<br />
Ein heilig Land nicht bloß dem Friesenstamme.<br />
<br />
<br />
<span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">IV.</span><br />
<br />
Wer dieses Eilands Herr? Kein Mal gibt Kunde,<br />
Kein Pfahl in Landesfarben ist zu schauen,<br />
Kein Schilderhaus, kein Wappen steingehauen,<br />
Kein Mörser, der es spräch’ aus eh’rnem Schlunde.<br />
<br />
Nur Sonntags, mit dem Glockenklang im Bunde,<br />
Aufsteigt die stolze Britenflagg’ im Blauen;<br />
Hier bin ich! mahnt sie landwärts deutsche Gauen,<br />
Doch Schmerz und Scham nur grüßt aus deutschem Munde.<br />
<br />
Mir soll’s die kurze Sonntagslust nicht kränken,<br />
Zu freun mich solcher Macht und Kraft und Ehre<br />
Auch fremden Volks, als ob’s das eigne wäre!<br />
<br />
Der Abend wird die Flagge wieder senken;<br />
Dann gibt’s sechs Tage schmerzlich zu bedenken:<br />
Warum’s so kam? und wie’s zum Bessern kehre?<br />
<br />
<br />
<span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">V.</span><br />
<br />
O stillen Fleißes rührend schöner Reigen,<br />
Wenn zarte Frauen hier mit schweren Lasten<br />
Hinan, hinab die Inseltreppe hasten,<br />
Wie ab und auf am Bronn die Eimer steigen!<br />
<br />
Der Hochsinn ging in Dienstbarkeit sich neigen,<br />
Tatkraft und Schwäche sich so hold umfaßten,<br />
Herkulisch Tagwerk übend ohne Rasten<br />
Und magdlich fromm es bergend tief in Schweigen.<br />
<br />
Sinnvoll, ihr Frauen, sprecht ihr’s aus im Kleide:<br />
des Hauptes schwarze Hülle sagt von Leide,<br />
Das euch in Dunkelheit die Tage spinnen;<br />
<br />
Doch fürstlich schwebt der Fuß hinan die Treppe<br />
Im schönverbrämten Rot der Purpurschleppe:<br />
Demüt’ge Mägde, hohe Königinnen!<br />
<br />
<br />
<span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">VI.</span><br />
<br />
Der Geiger fiedle und der Pfeifer blase,<br />
zum Hochlandsreihn euch Mägdlein aufzufrischen,<br />
Daß die Gestalten sich, hinschwebend, mischen,<br />
Wie Gold- und Silberfischlein in dem Glase!<br />
<br />
Gleicht ihr nicht selbst den Fischlein in der Base?<br />
So was vom Nixenhaften, Meeresfrischen,<br />
Ein Zug der Sippe läßt sich nicht verwischen;<br />
Die Meerfei, traun, ist eure holde base.<br />
<br />
Mir sei’s kein Wunder, wenn die Budenwände<br />
Mit einem Schlag als blanke Wogen steigen!<br />
Die Spielleut’ stört es nicht und nicht den Reigen:<br />
<br />
Auf Muscheln blasen sie das Stück zu Ende,<br />
Ihr tanzt zu End’ im Meerschloß von Kristallen<br />
Und geht dann ruhn zum Lusthain der Korallen.<br />
<br />
<br />
<span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">VII.</span><br />
<br />
Der Lotse lehnt am Fall’m mit seiner Sippe,<br />
Im Teergewand, nicht regend Arm’ und Beine,<br />
So fahl und starr wie Stein von diesem Steine,<br />
Nur wachen blicks, doch redescheuer Lippe.<br />
<br />
So liegt der Robbe wohl auf fahler Klippe<br />
Mit klugen Äuglein träg im Sonnenscheine,<br />
Lautlos und unbeweglich, daß man meine,<br />
Er sei ein Stück nur dieser Felsenrippe.<br />
<br />
Da rauscht der Sturm und löst ihn aus dem Banne!<br />
Vielleicht entzaubernd – wie in alten Mären<br />
Ein Held, ein Prinz ersteht aus Wolf und Bären –<br />
<br />
Verwandelt Hilferuf auch ihn zum Manne,<br />
Zum Lotsen, der da steure durch die Wetter,<br />
Dem Volk in Todesnot von Gott ein Retter.<br />
<br />
<br />
<span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">VIII.</span><br />
<br />
Nun auf dem Meer die Regenschauer lasten,<br />
Was sucht dein Lotsenaug’ im Dunstgebrause?<br />
„Notflaggen, die mich rufen, morsche Taue,<br />
verlorne Anker und bedrohte Masten!“<br />
<br />
Wie kann dein altes Aug’ durch Nebel tasten,<br />
Wo sich mein jüngres senkt am wirren Graue?<br />
„Das kommt, weil ich in See mein Lebtag schaue<br />
Und Eures auf Papier nur pflegt zu rasten.“<br />
<br />
Ein Meer ist auch das weiße Blatt nicht minder,<br />
Hat reiche Frachter, kühne Weltenfinder,<br />
Manch treuen Lotsen, der zur Ferne schaue,<br />
<br />
Hat Wolken auch, die um die Sterne lasten;<br />
Mein Auge sieht, wie deins, gefällte Masten,<br />
Zerbrochne Anker und zerrißne Taue.<br />
<br />
<br />
<span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">IX.</span><br />
<br />
Zum Fall’m vo Lotsen in die ernteeichen<br />
Meerfluren kühn und hoffnungsfreudig spähen,<br />
Auf Grabbesuch sieht man die Witwe gehen,<br />
Ihr trägt das Meer nur eines Friedhofs Zeichen:<br />
<br />
Die weißen Segel Sterbelinnen gleichen<br />
Und Mast’ und Rah’n als Gräberkreuze stehen,<br />
Die Wellen sich zu Totenhügeln blähen,<br />
Ihr bergend tief die teuerste der Leichen. –<br />
<br />
Ihr Lustgang doch führt an des Kirchhofs Schwellen;<br />
Dort im Gewoge grüner Rasenwellen<br />
Ein reiches Meer sieht ihre Sehnsucht wallen;<br />
<br />
Sie grüßt die schwarzen Boote, die’s befahren<br />
Hinsteuernd mit den stillen Wanderscharen,<br />
Und ihre Hoffnung läßt die Anker fallen.<br />
<br />
<br />
<span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">X. – Dem Marinemaler und Ornithologen F. G.</span><br />
<br />
Mann mit dem schwarzen Bart und schwarzen Haar,<br />
Hinschreitend durch der Gäste bunte Reihn,<br />
Du scheinst von Art der Zaubrer mir zu sein,<br />
Die schwarze Blus’ ein magischer Talar;<br />
<br />
Was auf dem Eiland immer flüchtig war,<br />
Du bannst es fest mit deinen Zauberei’n:<br />
Die flücht’gen Vögel ausgebälgt im Schrein,<br />
Auf Leinewand der Wellen flücht’ge Schar.<br />
<br />
Doch solch bezaubert Vöglein bist auch du!<br />
Vor jenem Schranke stehend fühlst du’s klar:<br />
Kein Zaubrer, der nicht seinen Meister sind’!<br />
<br />
Ein Fremdling flogst du dieser Insel zu,<br />
Da hielt dich fest mit holdem Augenpaar<br />
Des Zaubereilands lieblich Feenkind.<br />
<br />
<br />
<span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">XI.</span><br />
<br />
Im Predgergarten prunkt ein grün Geschmeide,<br />
Der Maulbeerbaum, mit so laubvoller Krone,<br />
Wie keiner seiner Art in Südens Zone;<br />
Der Nord erließ ihm den Tribut von Seide.<br />
<br />
Hier praßt der Flüchtling dem Geschick zum Hohne,<br />
Kein Seidenwurm wählt seinen Schmuck zur Weide,<br />
Kein Messer droht, das Laub und Ast verschneide,<br />
Im Reich der Bäume doch ist er die Drohne.<br />
<br />
Dem Baum im Süd riß man den Kranz vom Haupte,<br />
Doch reicher, stolzer ragt mir der Entlaubte,<br />
Ob sein Gezweig’ auch kahl zum Himmel starre;<br />
<br />
Er schattet fort im Baldachin der Throne,<br />
Er wipfelt noch im Flug der Luftballone,<br />
Er rauscht im Band der tönenden Gitarre.<br />
<br />
<br />
<span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">XII.</span><br />
<br />
Zugvögel sanglos diese Lüfte teilen,<br />
Kein Sprosser flötet’s hier durch laub’ge Äste,<br />
Kein Hänfling zwitschert’s hier aus sichrem Neste,<br />
Das fromme Siedlerlied: „Da ist gut weilen!“<br />
<br />
Wir ziehen! tönt’s im Chor der flücht’gen Gäste,<br />
Die Wellen rauschen’s, die den Strand zerfeilen,<br />
Die Wolken dröhnens rollend hin: wir eilen!<br />
Wir fliehen! braust’s im Ostwind und im Weste.<br />
<br />
Leis in den Nebeln säuselt’s: wir zerrinnen!<br />
zerrißne Segel flattern: wir entwallen!<br />
Die Möwe kreischt im hast’gen Flug: von hinnen!<br />
<br />
Verwitternd springt der Stein vom Rand: wir wandern!<br />
Vom alten Felsen klingt es: wir zerfallen!<br />
Er singt es wohl sich selber und uns andern.<br />
<br />
<br />
<span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">XIII.</span><br />
<br />
Vom Felsen rieseln rote Steinchen leise,<br />
Als rinne Blut vom Eiland in die Fluten;<br />
Es stirbt langsamen Tod, wie jener Weise,<br />
Im Bad aus offnen Adern zu verbluten.<br />
<br />
Doch grausam träg ist der Zerstörung Reise,<br />
Kein rascher Untergang in Sturm und Gluten!<br />
Ein Sturz, der einst kein Wellchen regt im Kreise –<br />
Wie herbes Menschenlos will mich’s gemuten:<br />
<br />
Wenn langsam niederrieselt ins Vergessen<br />
Das Dauernste, was unser Herz besessen,<br />
Wenn unser bestes Stück um Stück verwittert!<br />
<br />
Wir müssen erst die bittre Quelle trinken<br />
Der herben Flut, eh wir in sie versinken –<br />
Wir sinken ein, und keine Welle zittert.<br />
<br />
<br />
<span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">XIV.</span><br />
<br />
Du hältst dich gut im Kampf, o Inselfeste,<br />
Mit Wog’ und Wind, mit Schmugglern und Korsaren;<br />
Doch schlimmer sind die schmeichelnden Gefahren,<br />
Drum fürcht’ auch Rosenblätter, laue Weste!<br />
<br />
Jetzt landen hier, Parfüm in Wort und Haaren,<br />
Mit seidnem Kleid und Sinn, die schlimmern Gäste;<br />
Wegspült das Meer vielleicht ihr Leibgebreste,<br />
Doch nicht, woran die Seele krankt den Scharen.<br />
<br />
Der alte Feind nagt an dem Felsenneste,<br />
Der neue Freund an deiner alten Sitte,<br />
Doch Fels und Sitte ruhn in festem Kitte;<br />
<br />
So wahrst du noch von beiden heil’ge Reste,<br />
Doch Stück um Stück zerbröckeln sie, und leise<br />
Ins Meer auch sinkt der Väter schlichte Weise.<br />
<br />
<br />
<span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">XV.</span><br />
<br />
Die Insel birgt ihr Haupt in Dämmernissen, -<br />
Der Sterbeschleier ist’s der Todgeweihten,<br />
Den um ihr Antlitz Nebelflöre breiten;<br />
Das Opfer will im Opferkleid sich wissen.<br />
<br />
Drum mag den Sonnengott sie gerne missen,<br />
Er lächelt ihr kaum im Vorüberschreiten,<br />
Wenn Ost, der Wolkenspalter, ihr zuzeiten<br />
Vom Haupt den Schleier frevelnd weggerissen.<br />
<br />
Die milde Nacht doch kommt, ihn neu zu spinnen,<br />
Sie wirft ihr flatternd Mondlicht auf die Welle<br />
In blankem Streif als weißes Totenlinnen,<br />
<br />
Verhängt mit schwarzem Tuch des Himmels Zinnen<br />
Und zündet Stern an Stern zur Lichterhelle<br />
Als Trauerkerzen einer Sterbkapelle.<br />
<br />
<br />
<span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">Nachklänge <br />
<br />
I.</span><br />
<br />
Öd ist dies Eiland, baumlos, windversengt,<br />
Die starre Burg und Warte der Orkane;<br />
Bleifarbig um die morschen Zinnen hängt<br />
Das Nordgewölk wie eine graue Fahne.<br />
<br />
Lenzschwalbe flieht, aus ihrem Nest verdrängt,<br />
Der tolle Bube Sturm warf’s vom Altane,<br />
Er brach die jungen Wipfel und versprengt’<br />
Zerpflückte Blumen überm Ozeane.<br />
<br />
Wild ist dies Meer, unwirtbar, unbezwinglich,<br />
Schiffsrümpfe schwanken auf dem unruhvollen,<br />
Mastlos uns schwarz, gleich fortgeschwemmten Särgen;<br />
<br />
Es rauscht empor, wie Wände undurchdringlich,<br />
Als dunkler Vorhang muß die Woge rollen,<br />
Der Tiefen Grauenvollstes zu verbergen.<br />
<br />
<br />
<span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">II.</span><br />
<br />
Doch wenn einmal verbraust des Sturmes Schwinge<br />
Und Ruh’, so tiefe seltne Ruh’ im Alle,<br />
Daß störend dir der eigne Atem walle,<br />
Und daß dir bang vor jedem Schmetterlinge;<br />
<br />
Wenn klar und rein und glatt im weiten Ringe<br />
Das Meer, wie eine Scheibe von Kristalle,<br />
Daß du am Grunde zählst die Steinlein alle,<br />
Dann steig ins Boot, seewärts dein Ruder schwinge!<br />
<br />
Die Sage führt dich an die heil’ge Stelle<br />
Im Meer weit draußen; dort zur Tiefe schaue!<br />
Du siehst, o Wunder, Wald und grüne Wiese,<br />
<br />
Siehst fruchtbeladne Bäume, Blütenbälle,<br />
Und Palmen fächelnd über goldner Aue,<br />
Ein wonnig Stück versunkner Paradiese.<br />
<br />
<br />
<span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">III.</span><br />
<br />
Ob dir die Brust unstet und stürmisch schwelle,<br />
Gleich jenem Meer im rauhen Nordensunde,<br />
Wohl kommt dir einst solch seltne gute Stunde,<br />
Wohl blüht auch dir noch jene heil’ge Stelle.<br />
<br />
Verbrausen laß der Leidenschaften Welle,<br />
Was sie verdeckt, wird dir zu neuem Funde;<br />
Ein mild Vergessen schließe deine Wunde,<br />
Die Liebe dein Umwölktes dir erhelle.<br />
<br />
Und still in dir, so still und klar soll’s werden,<br />
Daß bis zum Grund der Seele du kannst sehen,<br />
Dann senke dich in deiner Brust Verließe!<br />
<br />
Es ist kein Herz so krank und arm auf Erden,<br />
Dem dort nicht Palmen noch des Friedens stehen<br />
Und Stücke blühn versunkner Paradiese.<br />
<br />
<br />
<br />
.]]></content:encoded>
		</item>
		<item>
			<title><![CDATA[Erhörung]]></title>
			<link>https://sonett.fontane-place.de/showthread.php?tid=26495</link>
			<pubDate>Sun, 26 Nov 2023 05:09:16 +0100</pubDate>
			<dc:creator><![CDATA[<a href="https://sonett.fontane-place.de/member.php?action=profile&uid=1">ZaunköniG</a>]]></dc:creator>
			<guid isPermaLink="false">https://sonett.fontane-place.de/showthread.php?tid=26495</guid>
			<description><![CDATA[<span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">Erhörung</span><br />
<br />
Die Rose sieht vorbei den Falter fliegen,<br />
Sie selbst ein Schmetterling, nur festgebannt;<br />
Da klagt sie: „Ach, wer löst mein fesselnd Band?<br />
O könnt’ auch ich in Lüften frei mich wiegen!“<br />
<br />
Der Falter sieht die Ros’ ins Laub sich schmiegen,<br />
Er eine Blume selbst, die Flügel fand;<br />
Da klagt er: „Hätt’ ich doch so sichern Stand!<br />
O könnt’ ich so an fester Stätte liegen!“<br />
<br />
Mit sonn’gem Lächeln hört der Lenz ihr Klagen,<br />
Erhörung bringt nur der, vor dem sie zagen,<br />
Der rauhe Herbst mit Frost und wildem Wetter;<br />
<br />
Er gibt ihm sichre Statt, löst ihr die Kette:<br />
Frei fliegen hin die welken Rosenblätter,<br />
Der Falter liegt erstarrt an fester Stätte.<br />
<br />
<br />
.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">Erhörung</span><br />
<br />
Die Rose sieht vorbei den Falter fliegen,<br />
Sie selbst ein Schmetterling, nur festgebannt;<br />
Da klagt sie: „Ach, wer löst mein fesselnd Band?<br />
O könnt’ auch ich in Lüften frei mich wiegen!“<br />
<br />
Der Falter sieht die Ros’ ins Laub sich schmiegen,<br />
Er eine Blume selbst, die Flügel fand;<br />
Da klagt er: „Hätt’ ich doch so sichern Stand!<br />
O könnt’ ich so an fester Stätte liegen!“<br />
<br />
Mit sonn’gem Lächeln hört der Lenz ihr Klagen,<br />
Erhörung bringt nur der, vor dem sie zagen,<br />
Der rauhe Herbst mit Frost und wildem Wetter;<br />
<br />
Er gibt ihm sichre Statt, löst ihr die Kette:<br />
Frei fliegen hin die welken Rosenblätter,<br />
Der Falter liegt erstarrt an fester Stätte.<br />
<br />
<br />
.]]></content:encoded>
		</item>
		<item>
			<title><![CDATA[Einem Hochtory]]></title>
			<link>https://sonett.fontane-place.de/showthread.php?tid=26496</link>
			<pubDate>Mon, 20 Nov 2023 03:30:16 +0100</pubDate>
			<dc:creator><![CDATA[<a href="https://sonett.fontane-place.de/member.php?action=profile&uid=1">ZaunköniG</a>]]></dc:creator>
			<guid isPermaLink="false">https://sonett.fontane-place.de/showthread.php?tid=26496</guid>
			<description><![CDATA[<span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">Einem Hochtory</span><br />
<br />
<br />
Die Zeit hat deiner Ahnen Burg zerschlagen,<br />
Dein prunkend Pergament verzehrt in Bränden;<br />
Was dir an Flittern blieb, wen soll’s noch blenden?<br />
Ein Rest, nicht wert, des Volkes Haß zu tragen! –<br />
<br />
Lord Spenser selig ließ im Kirchturmjagen<br />
Des Frackes einen Schoß in Dornstrauchs Händen,<br />
Der andre trauert’ einsam an den Lenden,<br />
Als säh’ Orest um Pylades man klagen.<br />
<br />
Seltsam Kostüm dem Spotte der Genossen!<br />
Der Lord, eingehend in des Dornstrauchs Possen,<br />
Reißt flink den zweiten Flügel von den Weichen.<br />
<br />
Sein Name schallt volkstümlich drum mit Lobe,<br />
Ein neu Gewand bereichert die Gard’robe,<br />
Drin steckt für dich ein Zettel: „Zu desgleichen!“<br />
<br />
.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<span style="font-weight: bold;" class="mycode_b">Einem Hochtory</span><br />
<br />
<br />
Die Zeit hat deiner Ahnen Burg zerschlagen,<br />
Dein prunkend Pergament verzehrt in Bränden;<br />
Was dir an Flittern blieb, wen soll’s noch blenden?<br />
Ein Rest, nicht wert, des Volkes Haß zu tragen! –<br />
<br />
Lord Spenser selig ließ im Kirchturmjagen<br />
Des Frackes einen Schoß in Dornstrauchs Händen,<br />
Der andre trauert’ einsam an den Lenden,<br />
Als säh’ Orest um Pylades man klagen.<br />
<br />
Seltsam Kostüm dem Spotte der Genossen!<br />
Der Lord, eingehend in des Dornstrauchs Possen,<br />
Reißt flink den zweiten Flügel von den Weichen.<br />
<br />
Sein Name schallt volkstümlich drum mit Lobe,<br />
Ein neu Gewand bereichert die Gard’robe,<br />
Drin steckt für dich ein Zettel: „Zu desgleichen!“<br />
<br />
.]]></content:encoded>
		</item>
	</channel>
</rss>